Aus der Eröffnungsrede des Museumsleiters:
„Die Japaner sind immer fröhlich gestimmt, bei den Arbeiten wird gesungen (...). Die Religion ist nach vier Hauptsecten verschieden, jeder Bürger kann sich zu einer davon bekennen und seinen Glauben so oft verändern, wie ihm gut dünkt. Nur das Christentum ist bekanntlich streng verboten. Der geistliche Kaiser oder Kin-Rey ist das Haupt der alten japanischen Religion, doch auch die übrigen Secten hegen eine anbetende Verehrung für ihn (...). Auf den großen Landstraßen ist jeder Berg, jeder Hügel, jede Kluft einer Gottheit geweiht, daher müssen Reisende an diesen Orten Gebete und diese oft mehrmals hersagen ...“, – das schrieb Wilhelm Grimm 1817/18 in einer Besprechung über die zwischen 1811 und 1813 erfolgten Japan-Expeditionen der russischen Kapitäne Petr Rikord und Vasilij Golovnin.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Nachrichten über Japan recht selten. Nach den gescheiterten Eroberungs- und Kolonisierungsversuchen der westlichen Mächte im 16. Jahrhundert hatte sich Japan unter dem Shogun Ieyasu aus dem Hause Tokugawa von der Außenwelt fasrt vollkommen abgeschottet, und diese Isolierung sollte mehr als 250 Jahre andauern. Handelsbeziehungen mit Japan wurden in dieser Zeit lediglich den Holländern gestattet, die auf der Insel Deshima bei Nagasaki auf der japanischen Südinsel Kyushu eine einzige Niederlassung errichten durften. Japan hat durch diese Abschottung seine einzigartige hochentwickelte Kultur bis heute bewahren können.
Im 19. Jahrhundert versuchten die ausländischen Mächte verstärkt, diplomatisch und mit der Androhung militärischer Gewalt, auch in Japan politisch und wirtschaftlich Fuß zu fassen. Das Shogunat geriet dadurch in eine tiefe Krise, und 1867 dankte der Shogun schließlich ab. Unter dem Kaiser Meiji wurde darauf die Öffnung und Modernisierung Japans betrieben, die bis heute anhält.
Den Brüdern Grimm waren nur wenige Nachrichten über Japan, seine Geschichte und Kultur zugänglich. Allerdings finden sich in ihren „Kinder- und Hausmärchen“ vereinzelte Hinweise zur japanischen Erzähltradition, wie z.B. das japanische Märchen vom Nachtfalter. Nach Wilhelm Grimms Tod (1859) kam es jedoch im Sommer 1862 interssanterweise zu einer persönlichen Begegnung zwischen Jacob Grimm und zwei Vertretern einer japanischen Handelsdelegation, die im Vorfeld der Reformen der Meiji-Zeit verschiedene europäische Hauptstädte besuchten. Sie trafen den greisen Gelehrten in der Wohnung in der Linkstraße 7 in Berlin – das Wohnhaus der Grimms ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, in der Nähe des Potsdamer Platzes trägt jedoch heute ein neu errichtetes Haus den Namen der Brüder Grimm. Die japanischen Gäste unterhielten sich mit Jacob Grimm auf Holländisch und brachten, wie wir Briefen entnehmen können, die von Jacob Grimm und den Kindern Wilhelm Grimms aus Berlin zu Ludwig Emil Grimm hier an die Kasseler Bellevue geschickt wurden, als Gastgeschenke ein exotisch duftendes Kästchen sowie zwei Bildnisse mit. Mein Vorgänger im Amt, Dieter Hennig, hat diesen ersten Kontakt zwischen den Brüdern Grimm und Japan im ersten Band des Jahrbuches der Brüder Grimm-Gesellschaft ausführlich dokumentiert.
Das Werk der Brüder Grimm, vor allem ihre Märchen, sind nach ihrem Tode und mit den Reformen des Kaisers Meiji in Japan auf eine sehr breite Resonanz gestoßen. 1887 erschien das Märchen „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ mit farbigen Holzschnitten gestaltet in einer ersten japanischen Übersetzung. Zahlreiche weitere Ausgaben folgten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Grimmschen Märchen unter dem großen Einfluß der Erziehungsgelehrten Johann Friedrich Herbart (1776–1841) und Wilhelm Rein (1847–1929) gar offizieller Bestandteil des schulischen Lehrplanes.
Der Erfolg der Brüder Grimm im Land der aufgehenden Sonne ist bis heute ungebrochen. Auf dem aktuellen japanischen Buchmarkt kann man allein fünf miteinander konkurrierende Gesamtausgaben der Grimmschen Märchen mit sämtlichen 200 Märchentexten und den 10 Kinderlegenden finden. Zuletzt wurden die Märchen, wie wir an der heute zu eröffnenden Ausstellung sehen können, auch von der Comic- und Manga-Bewegung entdeckt. In einer großen dreibändigen Ausgabe mit fast 1500 Seiten sind die „Kinder- und Hausmärchen“ 2007 von Masakazu Higuchi ins Bild gesetzt worden, und im gleichen Jahr brachte Kei Ishiyama ihr Buch „Grimms Manga“ heraus. Im Rahmen der Kasseler Manga- und Animationsmesse „Connichi 2008“ waren die Grimmschen Märchen zuletzt Thema eines künstlerischen Wettbewerbs.
Die Ausstellung präsentiert historische Dokumente aus dem Nachlaß der Brüder Grimm sowie aus der japanischen Kulturgeschichte zusammen mit modernen Comics und Mangas. Sowohl für die Ausprägung der Illustrationsgeschichte der Grimmschen Märchen als auch für die moderne Comic- und Manga-Kultur spielen japanische bildnerische Traditionen eine wichtige Rolle. In der Zeit der Abschottung und Isolierung Japans von der Außenwelt hat sich in der japanischen Kunst eine sehr spezifische und unverwechselbare Ausdrucksform entwickelt: der japanische Farbholzschnitt (ukiyo-e). Seine Blütezeit fällt in das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert, in der Künstler wie Katsushika Hokusai (1760–1849), Andô Hiroshige (1797–1858) oder Utagawa Kuniyoshi (1798–1861) ihre weltberühmten Werke schufen; diese beeinflußten in der Folge nachhaltig die europäische und amerikanische Kunst der Moderne, insbesondere dabei die Kunst des Jugendstils. In der Ausstellung sind auch dazu einige Beispiele zu sehen.
Der moderne Comic speist sich aus verschiedenen Quellen. Vielleicht kann man den jüngsten Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm, dem Maler und Zeichner Ludwig Emil Grimm, als einen Vorläufer dieser Tradition betrachten. Er hat zwei Häuser weiter hier an der Schönen Aussicht über 30 Jahre seines Lebens gewirkt und 1850 zwei jeweils mehrere Meter lange Bilderrollen geschaffen, die man heute durch ihre spezifische Verknüpfung von Texten und Bildern als „Comic“ bezeichnen würde.
„Grimm trifft Manga“ - so heißt unsere Ausstellung. Ich freue mich, daß so viele begeisterte junge Menschen dieses Angebot einer Begegnung zwischen historischer Tradition und moderner Ausdrucksform angenommen haben. Wir haben in der Ausstellung ganz bewußt die aus verschiedenen Traditionen stammenden Stücke direkt nebeneinander postiert. Wir möchten dadurch zum einen die deutsche und die japanische Rezeption der „Kinder- und Hausmärchen“ miteinander in Beziehung setzen und zum anderen die bildnerische Sprache in der Illustration und Interpretation der Märchen in Deutschland und Japan vergleichen. Dabei treffen historische Dokumente aus beiden Ländern unmittelbar auf ganz moderne Gestaltungen des Themas.
Die Ausstellung wurde freundlich unterstützt von der japanischen Zeichnerin Kei Ishiyama, die vor einem Jahr ihr Buch „Grimms Manga“ veröffentlicht hat; sie hat uns eine dem Museum direkt gewidmete Zeichnung übersandt. Zu danken habe ich auch dem Verlag Tokoypop, der uns weitere Motive aus „Grimms Manga“ für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Hilfe geleistet haben in Tokyo, Osaka und Kyoto verschiedene japanische Mitglieder der Brüder Grimm-Gesellschaft. Ich danke dafür herzlich Emiko Koto, Junko Nakayama und Yoshiko Noguchi. Auf Intitiative von Sabine Jennert und Benjamin Schäfer sind wir in Kontakt mit der Veranstaltern der Connichi-Messe gekommen und können in der Ausstellung 20 Manga-Darstellungen zu den Märchen der Brüder Grimm und von Hans Christian Andersen präsentieren. Ich danke allen Künstlerinnen und den Organisatoren der „Connichi 2008“, vor allem Herrn Wolfgang Schütte und Herrn Tobias Hößl, sehr herzlich für die produktive Zusammenarbeit. Die Darstellung des Rotkäppchen-Märchens von Nana Kyere aus Neuß hat uns dabei so gut gefallen, daß wir die Arbeit für die Sammlung des Museums angekauft haben und dafür ein kleines Preisgeld zur Verfügung gestellt haben.
Meine Damen und Herren, treffen Sie bei uns die Brüder Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm, treffen Sie auf die ausgestellten historischen deutschen und japanischen Dokumente, treffen Sie bei uns den modernen Märchen-Comic und treffen Sie auch die Märchen im Manga-Gewand.
Bernhard Lauer