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Ludwig Emil Grimm, der jüngste Bruder der berühmten Märchensammler und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm, hat sich als Zeichner und Radierer in der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts durchaus einen Namen gemacht und nimmt hier über sein eigentliches hessisches Umfeld hinaus als Landschaftsmaler, Porträtist und auch als Karikaturist einen wichtigen Platz ein.
Schon in frühen Jahren, in denen er ohne besondere Anleitung Pflanzen, Tiere und Landschaften nach der Natur zeichnete, wurde seine künstlerische Begabung deutlich, die ihm in den Jahren 1805 bis 1807 zu einer ersten Ausbildung an der Kasseler Kunstakademie verhalf. Wichtige Anregungen und nachhaltige Förderung erfuhr der junge Künstler durch längere Aufenthalte in Heidelberg und Landshut (1808/1809), die ihn mit führenden Köpfen der romantischen Bewegung in Deutschland persönlich bekannt machten (Achim v. Arnim, Clemens Brentano, Joseph Görres; Savigny-Kreis) und u.a. auch Goethes Interesse erregten. Von 1809 bis 1814 studierte er in München, wo er durch den Kupferstecher Carl Ernst Christoph Heß (1755-1828) in die Grundlagen der Druckgraphik eingeführt wurde.
Nach seiner Teilnahme am Feldzug gegen Frankreich (1814) und seiner dreimonatigen Italienreise (1816) ließ sich Ludwig Emil Grimm 1817 als freier Künstler in Kassel nieder. 1828 nahm er mit Begeisterung am Dürer-Fest m Nürnberg teil, das er als einen Höhepunkt in seinem Leben betrachtete. In diese Zeit fällt auch seine gemeinsame künstlerische Arbeit mit dem befreundeten baltendeutschen Maler Gerhardt von Reutern (1794-1865) in Willingshausen (Schwalm), die den Beginn der gleichnamigen Künstlerkolonie markiert. Erst 1832, im Alter von 42 Jahren, gelang es ihm, eine Anstellung als Lehrer an der Kasseler Kunstakademie zu erhalten.
Ludwig Emil Grimm hat nicht nur das Leben seiner berühmten Brüder Jacob und Wilhelm, mit denen er viele Jahre in Steinau und Kassel in engster familiärer Verbundenheit zusammenlebte, zeichnerisch begleitet und von innen heraus anschaulich gemacht. Er stellt vor allem mit seinen Zeichnungen und seinen fein gearbeiteten Radierungen eine Künstlerpersönlichkeit dar, die in den letzten Jahrzehnten auf ein wachsendes Interesse stößt. Im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht aber nicht die intellektuelle Durchdringung und reflektierende Verarbeitung der von ihm beobachteten Wirklichkeit, sondern eine romantisch artikulierte Schönheit der Natur, verbunden mit einer ebenso romantisch bestimmten Rückbesinnung auf die „altdeutsche“ Kunst.
„Ich verlange alles treu nach der Natur, ohne eigenen Zweck, ohne alle Manier“, – heißt es in den Lebenserinnerungen des Künstlers. Nicht nur seine Vorliebe für das Volkstümliche und sein Streben nach der Wiedererweckung des Mittelalters, sondern auch seine „Andacht zum Kleinen und Unbedeutenden“, zum liebevoll ausgestalteten Detail, verbinden ihn mit seinen Bildern Jacob und Wilhelm Grimm.
Sein Werk, das aus nur etwa 30 Gemälden, jedoch über 2000 gezeichneten und radierten Blättern besteht, ist daher der Historien- und Mythenmalerei der Zeit nur teilweise wirklich verpflichtet, obwohl er sich als reifer Künstler selbst formal und thematisch sehr deutlich in die Nähe der Nazarener gestellt hat. Vielmehr erscheinen immer wieder Steinau und Kassel als Bezugspunkte seiner Welt und in seinen Landschaften und Naturstudien zeigt sich eine ausgeprägte Natur- und Heimatliebe. In seinen Porträt- und Genredarstellungen zeichnet er ein lebendiges Bild seiner Zeit. Und in seinen Karikaturen und Skizzen nimmt er humorvoll sich selbst und seine Umgebung aufs Korn.
Für die Entwicklung Ludwig Emil Grimms bedeutsam war seine dreimonatige Italienreise, die in dieser Ausstellung ausführlich dargestellt wird. Ende Mai 1816 fuhr der Künstler mit dem Frankfurter Großkaufmann Georg Brentano - einem Bruder von Bettine (verh. v. Arnim) und Clemens Brentano - von München über den Brenner nach Italien. Stationen dieser Reise waren u.a. Salzburg, Innsbruck, Brixen, Bozen, Trient, Verona, Mantua, Modena, Bologna, Florenz, Arezzo, Perugia, schließlich Rom und Neapel. In seinen berühmten „Erinnerungen aus meinem Leben" (die Originalhandschrift befindet sich in den Sammlungen des Brüder Grimm-Museums und ist im ersten Raum unten ausgestellt) ist dieses Bildungs- und Kunsterlebnis Grimms ausführlichst beschrieben, in Zeichnungen und Radierungen hat der Künstler die Reise bildlich verarbeitet.
Details dieser Reise können am Beispiel des erhaltenen Reisepasses von L.E. Grimm verfolgt werden mit zahlreichen Sichtvermerken und amtlichen Stempeln. Italien als einheitlicher Staat gab es bekanntlich damals noch nicht und Grimm mußte immer wieder Grenzen überschreiten und Zollabfertigungen über sich ergehen lassen, wobei ihm seine alte Uniform bisweilen wichtige Dienst leistete.
Beeindruckt war Ludwig Emil Grimm in Italien zunächst von der ihm bisher unbekannten südländischen Natur, von dem lichtdurchfluteten Zusammenspiel von Bergen, Seen und Meer. Die antike Kunst Italiens und der barocke Prunk des römischen Kirchenstaates zogen den jungen Künstler jedoch kaum in ihren Bann.
„Ich habe überhaupt das Gefühl mit von Rom genommen, von allem, worin ich mich mit eigenen Augen überzeugt habe, daß jemand, der Neigung hat, katholisch zu werden, nur nach Rom kommen muß, - dann bleibt er gewiß evangelisch ...", schreibt der Künstler in seinen "Lebenserinnerungen".
Besonders beeindruckt war Ludwig Emil Grimm aber von den Werken Raffaels, dessen „Heilige Cäcilia“ er in Bologna und dessen „Madonna della Sedia“ er in Florenz bestaunen konnte, ferner bestaunte er Mantegna, Perugino, Guido Reni, Francesco Francia, um nur einige zu nennen, die in seiner Reisebeschreibung besondere Erwähnung finden. Besucht hat er auch literarische Stätten wie Petrarcas Geburtshaus in Arezzo oder das „Grab des Virgil“ bei Neapel.
Wichtige Impulse erfuhr der junge Künstler auf seiner Italienreise vor allem durch die Begegnung mit den in Rom lebenden deutschen Künstlern, den sog. „Deutschrömern“, deren Ateliers er besuchte und mit denen er im Café Greco über die Kunst diskutierte. So wurde er etwa mit dem Tiroler Landschaftsmaler Joseph Anton Koch, mit den Köpfern der nazarenischen Bewegung Peter Cornelius und Johann Friedrich Overbeck sowie mit dem dänischen Bildhauer Berthel Thorwaldsen persönlich bekannt. Mit ihnen teilte er die Vorstellung von der Erneuerung der Kunst durch den Rückgriff auf den „altdeutschen“ Stil (vor allem Dürer) sowie auf die Ästhetik der italienischen Frührenaissance.
Seine eigenen Historienbilder, die nach der Italienreise seit den 20er Jahren in Kassel entstanden, waren zumeist religiösen Themen sowie Ereignissen der hessischen Landesgeschichte gewidmet, z.B. Maria mit dem schlafenden Kind und Heiligen, Tod der Hl. Elisabeth, Märthyrertod des Hl. Bonifatius, Das Marburger Religionsgespräch, und vor allem sein 1841 vollendetes Hauptwerk Die Mohrentaufe. Alle diese Bilder sind deutlich nazarenischem Geist verpflichtet und rekurrieren in vielfacher Weise auch auf seine Italienerlebnisse des Jahres 1816 in der für ihn typischen Spannung zwischen realistischer Naturdarstellung und religiös inspirierter romantischer Malerei.
Die Ausstellung zeigt in fünf Räumen im Erdgeschoß des Palais Bellevue zahlreiche biographische und familiengeschichtliche Dokumente und verbindet das künstlerische Gesamtwerk L.E. Grimms auf den Gebieten Porträt und Genre, Natur und Landschaft, Heiligenbild und Historie immer wieder mit seinem Italienerlebnis.
(c) 2004 Bernhard Lauer
Führungen und andere begleitende Veranstaltungen
zur Ausstellung "Ludwig Emil Grimm und Italien"
März
So, 14. März Eröffnung der Ausstellung
11.00 Uhr
So, 21. März Führung
11.30 Uhr Frau Dr. Vera Leuschner
April
So, 4. April Führung
11.30 Uhr Frau Dr. Karin Mayer-Pas.
So, 18. April Führung
11.30 Uhr Frau Dr. Vera Leuschner
So, 25. April “Italienische Reise”
11.00 Uhr Lesung mit Gudrun Sander
Mai
So, 2. Mai Führung
11.30 Uhr Frau Dr. Karin Mayer-Pas.
So, 16. Mai Führung
11.30 Uhr Frau Dr. Vera Leuschner
So, 23. Mai “Italienische Reise”
11.00 Uhr Lesung mit Gudrun Sander
Juni
So, 6. Juni Führung
11.30 Uhr Frau Dr. Karin Mayer-Pas.
Die Teilnahme an den Führungen bzw. den Lesungen ist kostenfrei;
über eine Spende würden wir uns allerdings sehr freuen!