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Die Brüder Grimm-Gesellschaft e.V. (BGG) will im Zusammen-wirken mit den von ihr mitgegründeten Gedenkstätten für Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel (Brüder Grimm-Museum) und Steinau (Brüder Grimm-Haus) sowie weiteren Institutionen des In- und Auslandes gemäß der Satzung „im Geiste der Brüder Grimm der Pflege und Förderung deutscher Kultur“ dienen. Dies soll geschehen „durch Veröffentlichungen – insbesondere durch eine kritische Gesamt-ausgabe des Werkes der Brüder Grimm –, durch die Weiterführung ihrer Werke und ihrer Anregungen, durch Vorträge und Ausstellungen“.

Die BGG wird geleitet von einem fünfköpfigen Vorstand:

Vorsitzender:              Dr. Werner Neusel (Baunatal)

Geschäftsführer:         Dr. Bernhard Lauer (Kassel)

Schatzmeister:            Dieter Tampe (Lohfelden)

Pressespr.:                 Heidrun Helwig M.A. (Gießen)

Wirtschaftssachverst.: Peter Vaupel (Lohfelden)

Der Vorstand wird in seiner Arbeit beraten und unterstützt von dem Wissenschaftlichen Rat, dem z.Z. insgesamt 24 Persönlichkeiten des In- und Auslandes angehören:

Prof. Dr. Wilhelm Bleek (Bochum/Toronto)

Prof. Dr. Lothar Bluhm (Landau)

Vors. Richter Eckehart Blume (Kassel)

Prof. Dr. Maria Teresa Cortez (Coimbra/Aveiro)

Dr. Rotraut Fischer (Darmstadt)

PD Dr. Ewald Grothe (Wuppertal)

Prof. Dr. Hans-Peter Haferkamp (Köln)

Prof. Dr. Wilhelm Heizmann (München)

Dr. Ulrich Hussong (Marburg)

Burkhard Kling M.A. (Steinau a.d. Straße)

Dr. Veronika Krapf (München)

Prof. Dr. Hartmut Kugler (Erlangen)

Dr. Katinka Netzer (Münster)

Prof. Dr. Heinz Rölleke (Wuppertal)

Prof. Dr. Eckehard Schmidberger (Kassel)

Prof. Dr. Dr. h.c. Ruth Schmidt-Wiegand (Marburg)

Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Schupp (Freiburg)

Prof. Dr. Ulrich Sieg (Marburg)

Prof. Dr. Bernhard Weisgerber (Bonn)

Prof. Dr. Dieter Werkmüller (Marburg) 

Prof. Dr. Harm Peer Zimmermann (Marburg)

Im 21. Jahrhundert kann die Arbeit im Sinne der Brüder Grimm nur regional, national und international mit einem interdisziplinären Konzept geleistet werden. Die BGG lädt daher Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen zu einem interdisziplinären Dialog ein und bietet mit ihren Foren Gelegenheit zu Gedankenaustausch und gegenseitig befruchtender Arbeit.

Die BGG ist sich der Bedeutung der großartigen Lebensleistung der Brüder Grimm bewußt und fühlt sich der Erforschung und Publikation verschiedener nachfolgend beschriebener Projekte sowie deren Förderung verpflichtet. Sie wird daher nach Kräften bemüht sein, an ihrem wichtigsten Wirkungsort in Kassel ein Kompetenz- und Service-Zentrum aufzubauen, das sowohl Wissenschaftlern, interessierten Laien, Vertretern der Medien, aber auch der Wirtschaft und dem Tourismus die notwendige Unterstützung leisten kann.

Ein Hauptziel der BGG ist daher, zusammen mit der Stadt Kassel das gemeinsam gegründete Brüder Grimm-Museum sowohl zu einer optischen und haptischen Erlebniswelt als auch zu einem wissenschaftlichen Dokumentationszentrum auszubauen. Das Museum soll sich in populärer Weise sowohl an ein junges wie ein älteres Publikum wenden und so neue Besucherströme aus dem In- und Ausland nach Kassel lenken. Die weltweite Bekanntheit der Brüder Grimm muß genutzt werden, um sie als Märchensammler, als Sprach- und Literaturforscher, als politisch handelnde Gelehrte und als große Europäer vor dem Hintergrund des von ihnen aufgebauten und vielfach genutzten internationalen Netzwerkes in den Blick einer größeren Öffentlichkeit zu rücken. Wissenschaftliche Forschung, sammlerische Dokumentation und populäre Vermittlung bedingen sich dabei gegenseitig und müssen synergetisch genutzt und aufeinander abgestimmt werden.

Der Vorstand der BGG hat daher die nachfolgenden aktuellen Zielvorstellungen formuliert:

1. Die »Kinder- und Hausmärchen« als Welterbe der Menschheit – Ihre Bedeutung und ihr Auftrag

Mit ihrer 1812 und 1815 in zwei Bänden erstmals erschienenen Märchensammlung wollten die Brüder Grimm unter dem Einfluß der romantischen Bewegung die »Poesie des Volkes« aufsammeln und vor dem Vergessen retten; gleichzeitig verstanden sie ihre Märchen auch als »Erziehungsbuch«. Mit Grimms Märchen wächst bis heute fast jedes Kind in der Welt auf. Für die Persönlichkeitsbildung der Heran-wachsenden, für die Entwicklung ihrer Phantasie und Kreativität sowie für ihre sprachliche Schulung sind die Grimmschen Märchen von überragender Bedeutung. Das Grimmsche Märchenwerk muß daher nicht nur weiter wissenschaftlich erschlossen und analog sowie digital weltweit besser zugänglich gemacht werden, es muß auch sinnlich erfahrbar und durch geeignete Veranstaltungen populär einem sehr breiten Publikum vermittelt werden.

2. Die Wiederentdeckung von Sprache und Literatur – Sprachtheorie und Sprachkultur

Die Brüder Grimm verstanden unter Sprachkultur nicht die Hochkultur von Eliten, sondern das kulturelle Erbe des gesamten Volkes. Sie arbeiteten an der Geschichte der Literatur, um damit nicht nur ihre Gegenwart zu verstehen, sondern auch die Zukunft ihres Volkes zu gestalten. Literatur und Geschichte waren für sie ein Kontinuum – und sollten es auch für uns sein. Ihr Kulturverständnis kann heute helfen, den Gegensatz von klassischer Kultur und Popkultur zu überwinden. Die Brüder Grimm hatten ein breites, offenes Verständnis von Sprache als der ‘Poesie der Völker’, das weit über die germanistische Engführung der Folgezeit hinausgeht. Ihr Werk gibt Anregungen für unsere Aufgabe in einer globalen Kommunikationsgesellschaft: Sprachen sollen nicht nivelliert, sondern in ihrer regionalen Vielfalt verständlich gemacht werden.

3. Gesellschaftliches Engagement und Zivilcourage –
Die Brüder Grimm als Vorbild

Die Brüder Grimm verstanden, wie ihr Freund Friedrich Christoph Dahlmann, unter Politik nicht die obrigkeitliche Herrschaft und den Machtstaat, sondern die Gemeinschaft der Staatsbürger. Ihr Einstehen in der Gruppe der sieben Göttinger Professoren 1837 für eine gute Verfassung hat exemplarische Bedeutung für die heutige Verantwortung der Bürger im Staat, für eine gute Politik, notfalls bis zum Einsatz des Widerstandsrechtes. Jacob und Wilhelm Grimm haben ihr Handeln stets aus historisch gewachsenem und begründbaren Recht und auf der Grundlage der Freiheit des Einzelnen nach bestem Wissen und Gewissen abzuleiten gesucht; dabei haben sie auch eigene Nachteile in Kauf genommen. »Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei«, – schrieb Jacob Grimm 1848 als Abgeordneter der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche.

4. Botschaft an das zusammenwachsende Europa –
Bewahrung der Identität durch Integration

Das wissenschaftliche und öffentliche Wirken der Brüder Grimm beschränkte sich nicht allein auf Deutschland, sondern bezog auch die Nachbarländer immer in den Blick. Ihre Werke lesen sich daher wie eine Enzyklopädie europäischer Kulturgeschichte, in der fast jedes europäische Volk mit seiner Sprache, Literatur und Geschichte Berücksichtung gefunden hat. Die Brüder Grimm wollten mit ihren Freunden zur Bildung der deutschen Nation in einem doppelten Sinne beitragen. Sie wollten die Deutschen über ihr historisches Erbe aufklären und gleichzeitig den Prozeß der Nationswerdung fördern. Dieses Recht sprachen sie jedem Volk zu. Sie behaupteten keinen nationalistischen Vorrang der Deutschen vor ihren Nachbarn, sondern gingen von der Gleichheit gebildeter und zu bildender Nationen in der Völkergemeinschaft aus. Aus diesem Nationsverständnis können wir lernen, daß die deutsche Nation wie auch ihre Nachbarnationen durch die europäische Integration nicht verschwinden, sondern darin im Hegelschen Sinne »aufgehoben«, d.h. bewahrt werden.

5. Von Hessen in die ganze Welt –
Das internationale Netzwerk der Brüder Grimm

Jacob und Wilhelm Grimm haben zeitlebens in einer beispiellosen brüderlichen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft gelebt und gearbeitet. Ihr Weg führte von einer lokalen und regionalen Heimat zur deutschen Nation, ihr Selbstverständnis nahm dabei europäische Dimensionen an. Sie waren ihrer hessischen Herkunft stets sehr verbunden, sowohl den südhessischen Orten ihrer Geburt und Jugend als auch dem nordhessischen Kassel als der Stadt ihrer schöpferischsten und fruchtbarsten Lebensphase. Doch durch ihr Werk, die Sammlung und Erforschung deutscher Überlieferungen, insbesondere der Märchen und Sagen, der Literatur des Mittelalters, der Rechtsaltertümer und Wörter, wurden sie zu intellektuellen Vorreitern einer deutschen Kulturnation, die schließlich die politischen Bemühungen um die nationalstaatliche Einheit Deutschlands unterstützten. Gleichzeitig stimulierten die Brüder Grimm auch die anderen Völker Europas, sich ebenfalls ihres kulturellen Erbes bewußt zu werden und es zur Grundlage einer eigenständigen politischen Identität zu machen. So ist es nur folgerichtig, daß Jacob und Wilhelm Grimm fachliche und freundschaftliche Beziehungen zu zahlreichen Gelehrten, Schriftstellern und Künstlern ihrer Zeit in fast ganz Europa unterhielten und gleichzeitig Mitglieder vieler in- und ausländischer gelehrter Gesellschaften und Akademien waren. Dieses umfassende Netzwerk ist umso beeindruckender, da die Grimms nicht über moderne Kommunikations- und Wiedergabemittel verfügten.

Die Brüder Grimm-Gesellschaft unterstützt auf dieser Grundlage den interdisziplinären internationalen wissenschaftlichen Diskurs und lädt nachdrücklich zur Mitwirkung daran ein.

(c) by BGG März 2008





  



  



  



  



  
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