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Die Brüder Grimm-Gesellschaft e.V.

und die Brüder Grimm-Stätten in Hessen
 

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm gehören mit ihren in Kassel zusammengetragenen und 1812 und 1815 in zwei Bänden erstmals erschienenen "Kinder- und Hausmärchen" zu den weltweit bekanntesten Vertretern der deutschen und europäischen Kulturgeschichte. Als Begründer der Germanistik und als politisch handelnde und denkende Gelehrte sind sie jedoch weitgehend nur engeren Fachkreisen bekannt.

Die Brüder Grimm-Gesellschaft sucht ihr Leben und Wirken einem breiten Publikum zu erschließen und in seiner Bedeutung auch für die Gegenwart darzustellen durch Sammlung und Dokumentation, durch Ausstellungen und Veranstaltungen, durch wissenschaftliche Forschung und den von ihr gegründeten Verlag.

Wissenschaft und Politik

Die Brüder Grimm haben nicht allein für ihre Wissenschaft gelebt und gearbeitet, sondern aktiv teilgenommen an den politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit, wobei sie auch Stellung bezogen zu brennenden verfassungsrechtlichen, politischen und ethischen Fragen. Die durch sie wesentlich initiierte Wiederentdeckung der "schlafenden Schrift" der altdeutschen Literatur und ihre aufwertende Würdigung und Aufsammlung der "Volkspoesie" ist als Gegenreaktion zu den Ereignissen und Folgen der Französischen Revolution von 1789 nicht zuletzt auch politisch motiviert gewesen. Es ging den Brüdern Grimm nicht nur um die "Worte" der von ihnen untersuchten und edierten deutschen und europäischen Sprach- und Literaturdenkmäler, sondern sie suchten immer auch "die Worte um der Sachen willen" zu ergründen. Sprache und Dichtung betrachteten sie folgerichtig in ihrer jeweiligen historischen Dimension und Entwicklung.

Insofern müssen die philologischen Leistungen beider Brüder auf den größtenteils von ihnen erst begründeten bzw. mitbegründeten Gebieten der Literarischen Volkskunde, der Germanischen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der Rechts-, Geschichts- und Mythenkunde auch im Kontext der politischen und kulturellen Umbrüche in Deutschland und Europa zwischen dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1803/06) und der Begründung des deutschen Nationalstaates (1870/71) verstanden werden. Die Brüder Grimm haben mit ihren volkskundlichen Sammlungen und ihren literarischen Editionen sehr entscheidend zur nationalen Bewußtwerdung der Deutschen (aber auch anderer europäischer Völker) beigetragen und einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der deutschen Einigungsbewegung genommen.

Die kritische Würdigung der Brüder Grimm und die aktuelle Rezeption ihrer Werke kann nur im Kontext der Geistesgeschichte und auch der politischen Geschichte des 19. Jahrhunderts erfolgen; nur so entziehen sie sich nationalistischer Vereinnahmung und gewaltsamer ideologischer Verengung, wie dies für das Grimm-Bild im "Dritten Reich" oder – mit anderer Zielsetzung – teilweise auch in den kommunistischen Staaten des 20. Jahrhunderts charakteristisch gewesen ist. Das geistige und ethische Grundkonzept der Brüder Grimm wurzelt zutiefst in den philosophischen und ästhetischen Strömungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts (vor allem Herder, Fichte, Schelling, Savigny, Creuzer, Brüder Schlegel, Arnim, Brentano u.a.) und ist nur von hier erklärbar.

Alle diese Aspekte des Lebens und Werkes der Brüder Grimm haben ihnen schon zu ihren Lebzeiten über Deutschland hinaus weltweite Anerkennung verschafft. Gerade weil sie die Eigenart und Geschichte ihres eigenen Volkes wie nur wenige kannten, waren sie anderen Kulturen und Ländern gegenüber aufgeschlossen und haben über den Bereich der Germanistik hinaus u.a. auch für die Keltistik, die Romanistik, die Slawistik und die Finno-Ugristik wichtige Beiträge geliefert. Mit zahlreichen Schriftstellern, Wissenschaftlern und Gelehrtengesellschaften standen sie im Briefwechsel und beide Seiten befördernden Austausch.

"Die wissenschaften erkennen keine grenzen, im gegentheil ihr streben geht dahin, die abgesteckten unterschiede der völker zu überschreiten und das band zu festigen, das in weitem umkreis zwischen allen geschlungen werden soll", – schrieb Jacob Grimm am 20. November 1853 an den Niederländischen Kulturminister.

Erste Würdigungen

Schon zu ihren Lebzeiten wurden die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in ganz Europa und teilweise noch darüber hinaus als bahnbrechende Volkskundler und Sprachforscher über ihre eigentlichen Fachkollegen und -kreise hinaus geachtet und gewürdigt. Einer breiteren deutschen und europäischen Öffentlichkeit wurden sie besonders durch ihre Teilnahme am Protest der Göttinger Sieben (1837) sowie durch ihre anschließende Berufung an die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1840) bekannt. Von noch größerer Wirkung beim Publikum war schließlich ihre Sammlung der Kinder- und Hausmärchen, deren Erfolg sich jedoch zu ihren Lebzeiten anfangs nur zögernd, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch umso durchschlagender einstellte.

Der Nachlaß

Nach dem Tode der Brüder Grimm (Wilhelm 1859; Jacob 1863) gab es eine Reihe von persönlichen und akademischen Würdigungen, die das Andenken an die Begründer der literarischen Volkskunde und der germanischen Philologie wachhalten sollten und z.T. bis heute ihr Bild geprägt haben. Schon 1865 gelangte der größte Teil der Bibliothek der Brüder Grimm in die Universitätsbibliothek Berlin, während seit 1869 umfangreiche Teile ihres persönlichen und wissenschaftlichen Nachlasses sowie Handschriften und seltene Drucke allmählich in den sog. Grimm-Schränken der Königlichen Bibliothek zu Berlin Verwahrung fanden, bis sie schließlich in das Eigentum dieser Bibliothek, der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, übergingen. Während die letzten Arbeitstische der Grimm-Brüder mit allen Schreibutensilien an das Germanische Nationalmuseum zu Nürnberg gegeben wurden, erhielt die Brüder Grimm-Gesellschaft mit ihrem Sitz in der damaligen Kasseler Landesbibliothek, an der die Brüder Grimm von 1814 bzw. 1816 bis 1829 als kurfürstliche Bibliothekare gewirkt hatten, u.a. die wichtigen Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen mit zahlreichen eigenhändigen Kommentaren und Ergänzungen sowie auch Jacob Grimms Hand- und Arbeitsexemplar der ersten Auflage seiner Deutschen Grammatik (1819). Durch die schon bald erfolgende Sammlung und Herausgabe ihrer Kleineren Schriften (1864-1890 in acht Bänden für Jacob Grimm; 1881 bis 1887 in vier Bänden für Wilhelm Grimm), durch – meist von Herman Grimm angeregte – Editionen ihres Briefwechsels sowie durch zahlreiche Nach- und Neudrucke ihrer großen monographischen Werke wurde noch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine solide erste Grundlage für die Erforschung ihres Lebens, ihres Werkes und ihrer Wirkung gelegt, während ihr größtes wissenschaftliches Projekt, das Deutsche Wörterbuch, das den gesamten neuhochdeutschen Wortschatz von Luther bis Goethe umfassen sollte, nach ihrem Tode von ihren Schülern und Fachgenossen tatkräftig fortgeführt wurde. Der breite Erfolg eines vor wenigen Jahren durchgeführten Nachdrucks dieses Wörterbuchs in Taschenbuchformat (33 Bde) wie auch die Fortführung des Werkes in einer Neubearbeitung dokumentieren dessen anhaltende Bedeutung für die Geschichte der deutschen Sprache.

Erste Bemühungen um das Andenken der Brüder Grimm

Motiviert durch die hundertjährigen Jubiläen der Brüder Grimm (1885/86) regten sich in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auch in ihrer hessischen Heimat, wo ihnen zu Lebzeiten durch Kurfürst und Staatsbürokratie die rechte Anerkennung und Würdigung versagt geblieben war, vermehrt bürgerliche Initiativen zur Gründung von Grimm-Vereinen und Grimm-Gedenkstätten. Sowohl in der Geburtsstadt Hanau als auch in der Stadt der fruchtbarsten Schaffenszeit Kassel formierten sich engagierte Bürger zur Errichtung eines Brüder Grimm-Museums und begannen mit der Sammlung von Zeugnissen ihres Lebens und Werkes.

Die Gründung der Grimm-Gesellschaft 1897

Während es in Hanau am 18. Oktober 1896 zur Aufstellung des großen Nationaldenkmals der Brüder Grimm nach dem Entwurf von Syrius Eberle (Gipsmodelle der Köpfe heute im Brüder Grimm-Museum Kassel) vor dem dortigen Rathaus kam, beschlossen die auf Einladung von Mitarbeitern der Landesbibliothek versammelten Kasseler Grimm-Freunde am 13. November 1896 die Bildung eines "Ausschuss(es) zur Förderung einer Kasseler Grimm-Sammlung", als deren Vorsitzender der erste Bibliothekar Edward Lohmeyer und als dessen erstes Ehrenmitglied Herman Grimm, der Sohn Wilhelm Grimms, gewählt wurden. Nach weiteren Verhandlungen erging schließlich am 1. Dezember 1896 der öffentliche Aufruf zur Förderung und zum Ausbau der Kasseler Grimmsammlung und am 29. Januar 1897 erfolgte dann schließlich die förmliche Gründung einer ersten Kasseler Grimm-Gesellschaft. In der am 16. März 1897 verabschiedeten Satzung werden die Ziele der neuen Gesellschaft folgendermaßen umrissen:

"§ 1 Die Kasseler Grimm-Gesellschaft stellt sich die Aufgabe, das Andenken an die Brüder Grimm in einer ihrer hohen Bedeutung entsprechenden Weise zu ehren.

§ 2 Dies Ziel sucht die Gesellschaft insbesondere zu erreichen 1. durch die Sammlung, die (....) Erinnerungen aller Art an die Brüder, an ihren Verwandten- und an ihren Freundeskreis vereinigt (...), 2. durch Veranstaltung von Vorträgen, 3. durch Unterstützung und Herausgabe von wissenschaftlichen Arbeiten (...), 4. durch Verbreitung von Schriften der Brüder Grimm, 5. durch Ansammlung von Geldmitteln, die dazu dienen sollen, ein Grimmdenkmal in Kassel zu errichten".

Erste gezielte Sammlungen

Schon im Mai 1897 wurde mit den bereits in der Landesbibliothek vorhandenen und inzwischen weiter vermehrten Lebenszeugnissen, Briefen, Werkausgaben und anderen Erinnerungsstücken eine erste kleine Brüder Grimm-Ausstellung veranstaltet. Bis zum Ersten Weltkrieg konnte in Kassel eine ansehnliche Grimm-Sammlung zusammengetragen werden, die – von schmerzlichen Kriegsverlusten abgesehen – den Grundstock für das heutige Brüder Grimm-Museum Kassel bildete. Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kamen jedoch diese ersten Kasseler Initiativen offensichtlich zum Erliegen. Durch die maßgebliche Initiative des Verlegers und Buchhändlers Karl Vötterle und mit der fördernden Unterstützung des damaligen Oberpräsidenten Prinz Philipp von Hessen kam es mitten im Zweiten Weltkrieg am 14. April 1942 zur erneuten Gründung der Brüder Grimm-Gesellschaft in Kassel, die sich seither kontinuierlich entwickelt hat. Leider sind am 22./23. Oktober 1943 durch die Bombardierung und fast vollständige Vernichtung der Kasseler Innenstadt auch zahlreiche Stücke der Kasseler Grimm-Sammlung unwiederbringlich verloren gegangen. Die heutige Brüder Grimm-Gesellschaft sieht sich in der Tradition der ersten Gründung von 1897 und hat seit den 1950er Jahren großen Auftrieb erhalten. 

Die Gründung des Brüder Grimm-Museums

Die bedeutendste Leistung der Brüder Grimm-Gesellschaft besteht in der erfolgreichen Initiative zur Begründung des Brüder Grimm-Museums in Kassel. Mit der Unterstützung zahlreicher Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst veröffentlichte die Gesellschaft im Mai 1958 einen internationalen Aufruf zur Museumsgründung, der im In- und Ausland auf eine außerordentlich positive Resonanz stieß. In dem Aufruf heißt es:

"Die Brüder Grimm haben mit ihren Kinder- und Hausmärchen einen Schatz an altem, unvergänglichem Erzählgut bewahrt und erschlossen, ohne den in unserem und in manchem anderen Lande kein Kind aufwächst. Sie haben in den Deutschen Sagen die Erinnerung wachgehalten an Zeiten und Bereiche, in denen die Geschichte der Poesie verschwistert war. Sie haben das Werden unserer Sprache erforscht; sie haben den deutschen Wortschatz als untrügliches Zeugnis unseres Welterlebens zu sammeln begonnen; sie haben die große alte Dichtung in ihrer ursprünglichen Gestalt zugänglich gemacht; sie haben die umfassende Lebensordnung des alten Reiches in ihrem Wesen und Werden aufgezeigt und gedeutet. Sie haben, indem sie auf ihre Weise den Weg unseres Herkommens aus der Frühe der Zeiten erhellten, der äußeren Geschichte der Kriege und der Dynastien eine innere Geschichte, eine Geistes- und Seelengeschichte des deutschen Volkes gegenübergestellt. Dem Umfang, der Tiefe und weiterwirkenden Fruchtbarkeit ihres Lebenswerkes ist nicht vieles aus der deutschen Geistesgeschichte vergleichbar. Ungezählten Späteren sind sie durch die Lauterkeit ihres Strebens, durch ihre Liebe zum Volk, zur Heimat und zur Freiheit des Geistes Vorbild geworden. Unter den 'guten Geistern' des deutschen Volkes gebührt ihnen ein Ehrenplatz.

Diesem Ehrenplatz der Brüder Grimm im Andenken unseres Volkes durch die Begründung einer Grimm-Gedenkstätte ein lebendiges Sinnbild zu schaffen, ist das Ziel dieses Aufrufes. Irgendwo in Deutschland, wo die Umstände sich als günstig erweisen, soll eine Stätte errichtet werden, die nicht nur Denkmal und Museum ist, sondern die geistigen und seelischen Kräfte, die von dem Werk der Brüder ausgehen, veranschaulicht und lebendig erhält. Dort soll gesammelt werden, was an Erinnerungsstücken aus ihrem Leben noch erhalten ist; dort soll ihr wissenschaftliches Werk nach Umfang, Tiefe und Auswirkung ebenso sichtbar werden wie das Sammelwerk der Märchen, ihre Bedeutung im deutschen Volksleben und ihre Wege durch die Welt; dort müßte eine Sammlung aller Illustrationen entstehen, die in anderthalb Jahrhunderten zu den Märchen von Künstlern geschaffen wurden. Dort müßte eine Stätte sein, mit einem Wort gesagt, wo klein und groß eine Stunde in der Welt der Brüder Grimm leben können."

Schenkungen und Stiftungen

Schon am 15. Dezember 1959 – am Vorabend des 100. Todestages von Wilhelm Grimm – konnte mit der Stadt Kassel der Vertrag über die Gründung des Brüder Grimm-Museums Kassel geschlossen werden, der seither die Grundlage der Museumsarbeit bildet. Den Grundstock der Sammlungen des Museums bilden die alte sog. Kasseler Grimm-Sammlung aus der ehemaligen Landesbibliothek (soweit sie den Krieg überstanden hat) sowie die Schenkungen an Hausrat, Gemälden, Zeichnungen, Briefen und anderen Erinnerungsstücken seitens der Urenkelin der Schwester Lotte der Brüder Grimm, Nora Hassenpflug, und ihres Bruders Carl Hassenpflug.

Ein sehr großer Teil des persönlichen und künstlerischen Nachlasses des Malerbruders Ludwig Emil Grimm konnte von dessen Urenkelin Thea von Bose und ihrem Sohn Hans Jürgen von Bose erworben werden. Zahlreiche weitere Schenkungen und Ankäufe haben die Sammlungen des Brüder Grimm-Museums Kassel zu einem bedeutenden Anziehungspunkt für die internationale Grimm-Forschung gemacht. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten die sehr umfangreiche Sammlung Schoof/van de Zijpe (mit ca. 14.000 Bänden und zahlreichen wissenschaftlichen und künstlerischen Dokumenten) sowie der wissenschaftliche Nachlaß des Sprachwissenschaftlers Leo Weisgerber in das Brüder Grimm-Museum eingegliedert werden. Später (2004-2005) kam die etwa 50.000 Bände umfassende germanistische Spezialbibliothek des Hamburger Philologen Ulrich Pretzel hinzu. Zuletzt (2006-2007) gelangte die sehr bedeutende und große Kinderbuchsamlung von Ingrid und Martin Witzel in das Brüder Grimm-Museum

Ausstellungen

Die erste Ausstellung des neuen Museums konnte zum 175. Geburtstag Jacob Grimms am 4. Januar 1960 in den Räumen der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel und Landesbibliothek am Brüder Grimm-Platz Nr. 4A eröffnet werden. Später erfolgte ein Umzug des Museums in das von Paul du Ry 1714 erbaute barocke Palais Bellevue an der Schönen Aussicht Nr. 2, wo im Erdgeschoß auf wesentlich erweiterter Fläche und mit erheblich vermehrter Anzahl an Exponaten eine angemessenere Präsentation des Lebens und Werkes der Brüder Grimm erfolgen konnte. Wichtige Meilensteine in der Geschichte der Brüder Grimm-Gesellschaft und des Brüder Grimm-Museums Kassel waren 1985 und 1986 die zweihundertsten Geburtstage der Brüder Grimm, die unter inhaltlicher Anleitung von Gesellschaft und Museum und mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung des Landes Hessen sowie der hessischen Grimm-Städte Hanau, Steinau, Marburg und Kassel mit zahlreichen Ausstellungen, Vorträgen und anderen Veranstaltungen feierlich begangen wurden. Die 1985 und 1986 in Kassel, Marburg, Berlin und Hanau (in veränderter Form 1989 auch noch in Bonn und in Brüssel) präsentierte Jubiläumsausstellung konnte erstmals in umfassender Weise das Leben und Werk sowie die internationale Ausstrahlung der Brüder Grimm anhand von originalen Stücken aus der Kasseler Sammlung sowie von weiteren Leihgaben aus den großen Museen und Bibliotheken Europas dokumentieren und so einem größeren Publikum näherbringen; der große vierbändige Ausstellungskatalog ("200 Jahre Brüder Grimm"; Kassel u. Marburg 1985-1989) stellt dabei bis heute eines der Grundlagenwerke für die internationale Grimm-Forschung dar.

Das Brüder Grimm-Haus Steinau

Nach dem Vorbild der Museumsgründung in Kassel konnte 1997 ein weiterer Vertrag über die Gründung einer musealen Gedenkstätte für die Brüder Grimm mit der Stadt Steinau an der Straße geschlossen werden. Im Juni 1998 konnte dann im ehemaligen Amtshaus, dem einzigen noch vollständig erhaltenen Wohnhaus der Familie Grimm, die dort von 1791 bis 1796 lebte, das "Brüder Grimm-Haus Steinau" eröffnet werden. Die von der Brüder Grimm-Gesellschaft eingerichtete Dauerausstellung konzentriert sich hier auf die an Main und Kinzig verbrachte Kindheit und Jugend der Brüder Grimm, widmet jedoch spezielle Räume auch ihrem germanistischen Wirken sowie dem Schaffen ihres Malerbruders Ludwig Emil Grimm. Eine ganze Etage mit insgesamt neun Räumen ist der europäischen Überlieferungstradition der "Kinder- und Hausmärchen" gewidmet. Ergänzt wird die Dauerpräsentation durch vierteljährlich wechselnde Sonderausstellungen.

Das Marburger Haus der Romantik

Eine dritte hessische Gedenkstätte konnte unter Federführung der Brüder Grimm-Gesellschaft im Jahr 2000 in Marburg an der Lahn mit dem "Marburger Haus der Romantik" im Haus am Markt 16 errichtet. Gesellschafter dieser Institution waren die Stadt Marburg, die Brüder Grimm-Gesellschaft sowie ein örtlicher Trägerverein. Auf zwei durch eine verwinkelte Treppe verbundenen Etagen werden hier zum einen die Vertreter der Marburger Früromantik (Savigny, Brentano, Creuzer, Grimm, Bang u.a.) gewürdigt, zum anderen in ebenfalls vierteljährlich wechselnden Ausstellungen Themen der Brüder Grimm sowie der deutschen und europäischen Romantik ausstellerisch dargestellt. Ein vom Verein "Marburger Haus der Romantik" organisiertes Vortragsprogramm ist dabei inzwischen zu einem festen Bestandteil des Marburger Kulturlebens geworden.

Wissenschaftliche und andere Aktivitäten

Mit und nach den Jubiläumsjahren erfuhr die Ausstellungs- und Publikationstätigkeit des Brüder Grimm-Museums und der Brüder Grimm-Gesellschaft einen fruchtbaren Aufschwung. So wurden in den letzten zwanzig Jahren über zweihundert Sonderausstellungen mit wechselnden Themen in Kassel, Steinau, Marburg, Berlin, Leipzig, München, Heidelberg, Saarbrücken, Jena, Weinheim, Ulm, München und zahlreichen anderen deutschen Städten sowie auch im Ausland (u.a. Armenien, Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Japan, Kroatien, Litauen, Polen, Spanien, Tschechien, Schweiz, Ungarn, USA) veranstaltet. Zahlreiche Archivalien und Sammlungen wurden neu erschlossen, Briefwechsel und andere Dokumente neu ediert. Mit beträchtlichen finanziellen Mitteln konnte die Gesellschaft zahlreiche Bände des wichtigen Diskussionsforums Brüder Grimm Gedenken sowie weitere Forschungen in den Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft fördern; dazu wurde mit der Reihe Ausstellungen im Brüder Grimm-Museum (Große Reihe und Kleine Reihe) den Sonderausstellungen des Museums eine eigene Plattform geschaffen. Schließlich gelang 1991 die Begründung eines eigenen Jahrbuches der Brüder Grimm-Gesellschaft, in dem die Ergebnisse der internationalen Brüder Grimm-Forschung zusammengefaßt, kritisch besprochen und möglichst auch vollständig bibliographisch erfaßt werden sollen. Seit 1998 erscheint im Rahmen der Brüder Grimm-Gesellschaft die kritisch-kommentierte Ausgabe von Werken und Briefen der Brüder Grimm in Einzelausgaben.

Aktuelle Aufgaben

Die Brüder Grimm-Gesellschaft e.V. sieht auch heute ihre zentralen Ziele – wie es in der Satzung heißt – darin, die "vorurteilsfreie, kritische Erforschung von Leben, Werk und Wirkung der Brüder Grimm zu fördern, ihre Stellung in der Geistes-, Wissenschafts- und politischen Geschichte bestimmen zu helfen und ihren Beitrag zur hessischen und deutschen Kultur und zur Weltliteratur darzustellen". "Ihre vordringlichsten Aufgaben sieht die Brüder Grimm-Gesellschaft daher in der Veröffentlichung von Schriften und Briefen Jacob und Wilhelm Grimms, ihrer Geschwister, Freunde und ihnen mitforschend verbundener Gelehrten; in der Unterstützung wissenschaftlicher Forschungsvorhaben im Rahmen ihrer oben genannten Ziele; in der fördernden Erhaltung und im helfenden Ausbau des von ihr und der Stadt Kassel gemeinsam gegründeten Brüder Grimm-Museums in Kassel, der Grimm-Gedenkstätten in Hanau, Marburg, Schlüchtern und Steinau".

Die Sammlungen

Das Brüder Grimm-Museum Kassel und in Ansätzen auch das Brüder Grimm-Haus Steinau haben sich zu Museums- und Forschungsinstitutionen mit internationalem Charakter entwickelt. Den Grundstock der Sammlungen bilden zahlreiche Autographen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, Handexemplare und Manuskripte ihrer Veröffentlichungen, Erinnerungsstücke aus verschiedenen Nachlässen der Familie Grimm und ihrer Nachfahren. Aus den Haushalten der Grimms, die von 1798 bis 1829 und von 1837/38 bis 1841 in Kassel lebten, stammen Möbel, Glas, Porzellan, Silber und zahlreiche andere Lebenszeugnisse.

Bedeutend ist auch der Bestand an Handzeichnungen, Radierungen und Gemälden des Malerbruders Ludwig Emil Grimm, der das Leben von Jacob und Wilhelm Grimm auf vielfältige Weise zeichnerisch begleitet und damit unmittelbar anschaulich gemacht hat. Er gehört zu den wichtigsten Zeichnern der deutschen Romantik in Hessen. Er und der baltendeutsche Maler Gerhardt Wilhelm v. Reutern gelten als die Begründer der bedeutsamen Willingshäuser Malerkolonie, der wohl ersten Freiluftmalerkolonie in Deutschland.

Weitere Schwerpunkte der Sammlungen sind die wissenschaftlichen Arbeitsbereiche der Brüder Grimm (Literarische Volkskunde, Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft, Rechts-, Geschichts- und Mythenkunde, Romanistik, Slawistik, Keltistik) sowie ihr politisches Wirken (u.a. Befreiungskriege gegen Napoleon und Wiener Kongreß 1814/15, Protest der "Göttinger Sieben" 1837, Erste Deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848). Sehr umfangreich ist die Sammlung der verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen der "Kinder- und Hausmärchen", die in über 100 verschiedenen Sprachen und Mundarten aller Erdteile dokumentiert werden können. Bedeutend ist auch die internationale Sammlung künstlerischer Illustrationen und Interpretationen der Märchen der Brüder Grimm.

Die Dauerausstellung zu Leben und Werk der Brüder Grimm

Die Schauräume des Brüder Grimm-Museums befinden sich auf vier Geschossen des Palais Bellevue (1714 von Paul du Ry als Sternwarte für den hessischen Landgrafen Karl erbauter kleinerer Schloßbau) an der Schönen Aussicht Nr. 2. Die ständige Ausstellung über Leben und Werk der Brüder Grimm im zweiten Obergeschoß dokumentiert chronologisch fortlaufend ihre wichtigsten Lebensstationen im Zusammenhang ihres wissenschaftlichen und politischen Wirkens. Im Stil der Zeit sind dabei die Räume farblich gestaltet und mit Originalmöbeln und anderen Zeugnissen ausgestattet. Bedeutendstes und wertvollstes Exponat des Museums ist das Grimmsche Handexemplar der Kinder- und Hausmärchen (2 Bde. Berlin 1812-1815) mit zahlreichen handschriftlichen Anmerkungen und Notizen, das hinsichtlich der Entstehungsgeschichte der Märchen eine Quelle ersten Ranges darstellt. Das Brüder Grimm-Museum Kassel ist heute im Besitz aller bekannten Handexemplare der zu Lebzeiten der Brüder Grimm erschienenen KHM-Ausgaben. Für Kinder und Erwachsene gleichermaßen ist dem Thema "Märchen" die gesamte dritte Etage des Hauses gewidmet, wo in drei von einem runden Zentralraum ausgehenden Schauräumen eine interaktiv gestaltete bunte Erlebniswelt (Märchenwald, Märchenheld, Märchenschloß) präsentiert wird. Die übrigen Räume im Erdgeschoß sowie im ersten Obergeschoß dienen wechselnden Ausstellungen sowie Vorträgen, Tagungen und anderen Veranstaltungen. Großer Beliebtheit erfreut sich alljährlich das große Märchenfest im und am Palais Bellevue, daß am ersten Septemberwochenende immer Tausende von Besuchern anzieht.

Sammlung, Dokumentation, Präsentation

Die Brüder Grimm-Gesellschaft e.V., das Brüder Grimm-Museum Kassel und das Brüder Grimm-Haus Steinau stellen sich vor allem drei Aufgaben. Erstens wird versucht, mit der Ankaufs- und Sammlungspolitik alle noch erreichbaren Zeugnisse zu Leben, Werk und Wirkung der Brüder Grimm zusammenzutragen und Kassel im Verein mit Hanau, Steinau und Marburg zu Zentren der Brüder Grimm-Forschung und Brüder Grimm-Pflege zu machen. Die Kasseler Sammlung ist international renommiert und zieht immer wieder interessierte Laien, Journalisten und Wissenschaftler aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland (vor allem aus Nordamerika und Ostasien) zu z.T. längeren Studienaufenthalten an. Zweitens werden über die international tätige Brüder Grimm-Gesellschaft und ihre Publikationsforen (v.a. das Jahrbuch der Brüder Grimm-Gesellschaft, das 2006 begründete Brüder Grimm-Journal sowie verschiedene Reihen, Tagungen und Vortragsveranstaltungen) wissenschaftliche Projekte und Aktivitäten unterstützt und gefördert. Drittens schließlich wird versucht, durch zahlreiche Sonderausstellungen das Wirken der Brüder Grimm einem größeren Publikum nahezubringen und dabei vor allem die europäische Bedeutung dieser Märchenforscher und Germanisten, aber auch der politisch handelnden Gelehrten deutlich zu machen.

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