Brüder Grimm-Preis 2010 an Hans-Jörg Uther
Der Göttinger Erzählforscher Hans-Jörg Uther ist am 8. Dezember 2010 mit dem Brüder Grimm-Preis 2010 der Philipps-Universität Marburg ausgezeichnet worden. Der Leiter des Kasseler Brüder Grimm-Museums würdigte den Preisträger in der nachfolgend abgedruckten Laudatio:
„Jede wissenschaft" – schrieb Jacob Grimm in der Vorrede zu seiner 1848 erschienenen „Geschichte der deutschen Sprache" – „hat ihre natürlichen grenzen, die aber selten dem auge so einfach vorliegen […]. […] forscher sollen also den verschlungenen pfaden folgen und bald leichteres bald schwereres geschühe anlegen, um sie betreten zu können. Wer nichts wagt gewinnt nichts und man darf mitten unter dem greifen nach der neuen frucht auch den mut des fehlens haben. […]. Von der groszen heerstraße abwärts liebe ich es durch enge kornfelder zu wandeln und ein verkrochenes wiesenblümchen zu brechen, nach dem sich andere nicht niederbücken würden."
Diese heute sprichwörtlich gewordene „Andacht zum Kleinen und Unbedeutenden" – so negativ noch durch August Schlegel ausgedrückt, von den Brüdern Boisserée und Bettina v. Arnim dann im Blick auf die Grimms positiv gewendet – kann man anschaulich über das ganze Leben und Wirken der Kasseler Märchensammler und Sprachforscher stellen.
„Kleines" und „Großes" steht bei ihnen oft gleichberechtigt nebeneinander und wird von ihnen gleichermaßen ausgewertet. Die Monumentalität ihres Werkes erklärt sich nicht zuletzt durch das stetige Aufsteigen vom „Kleinen und Unbedeutenden" zu weitgespannten und vielfach ineinander verschränkten Wissens- und Traditionszusammenhängen.
Auch Hans-Jörg Uther (geb. 1944 in Herzberg im Harz) hat seine zahlreichen Projekte
- zur vergleichenden und historischen Erzählforschung
- zur Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Rezeption in den verschiedenen Medien
- zur Stoff-, Motiv- und Typenforschung
nicht nur auf der großen „Heerstraße" der Literarischen Volkskunde betrieben, sondern stets auch die Rand- und Übergangsgebiete seiner Wissenschaft interdisziplinär durchmessen und an ihren Rainen so manche überraschende Entdeckungen gemacht, die oft ganz neue Einblicke und methodische Konsequenzen gezeitigt haben.
Hans-Jörg Uther ist – wie dies Rolf Dieter Brednich in der dem Preisträger unlängst gewidmeten Festschrift zum Ausdruck gebracht hat – ein „Erzählforscher aus Leidenschaft". Nach einer Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr (1965–1969) studierte Uther von 1969 bis 1973 an den Universitäten München und Göttingen Germanische Philologie, Geschichte und Volkskunde und schloß mit dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt am Gymnasium ab. Danach wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ins Leben gerufenen Projekt der „Enzyklopädie des Märchens", dessen entscheidender Motor er über viele Jahre war und bis heute geblieben ist. 1980 wurde er in Göttingen bei Kurt Ranke promoviert mit seiner Dissertation über „Behinderte in populären Erzählungen" (Berlin u. New York 1981). 1994 habilitierte er sich am Fachbereich für Germanistik und Volksliteratur an der Universität Duisburg-Essen und ist daselbst seit 2000 auch lehrend tätig. Schon 1993 wurde ihm in Italien der renommierte Pitré-Preis verliehen, 2006 in Deutschland der Märchenpreis der Kahn-Stiftung.
Im Mittelpunkt von Uthers Arbeiten stehen – ganz in der Nachfolge von Jacob und Wilhelm Grimm und in der Weiterentwicklung ihrer Konzepte – vor allem Märchen, Sagen, Legenden und zahlreiche andere volkstümliche Erzähltypen, für deren Erforschung Uther wirklich Bahnbrechendes und Bleibendes geleistet hat.
Das zeigt sich schon an seiner 1980 vorgelegten Dissertation, in der er – schon damals auf einer ungeheuer breiten Materialbasis von der Antike bis zur Gegenwart arbeitend – die Darstellung von „Behinderten in populären Erzählungen" untersucht hat. Die Arbeit behandelt fast alle Arten körperlicher und geistiger Defizienz in volkstümlichen Erzählungen und ist zugleich in gedruckter Form für Sehende und in Blindenschrift gestanzt auch für Sehbehinderte erschienen.
Ganz unermüdlich ist Uther stets und bis heute als Herausgeber tätig:
- seit 1988 wirkte er – auch mit zahlreichen eigenen Beiträgen und unzähligen Besprechungen in der führenden Zeitschrift für Erzählforschung, der Göttinger „Fabula";
- von 1989 bis 2002 war er Redakteur der berühmten Reihe der „Märchen der Weltliteratur", in der fast alle wichtigen Überlieferungen rund um den Globus in vielen Bänden versammelt sind;
- 1993 edierte er in zwei Bänden seine kritisch kommentierte Ausgabe der „Deutschen Sagen" der Brüder Grimm und wies darin in einer äußerst präzisen und umfassenden Quellenkritik erstmals erschöpfend die von den Brüdern Grimm genutzten und ausgewerteten Zeugnisse von der Antike bis ins 19. Jahrhundert nach;
- 1996 kam in vier stattlichen Bänden seine kritisch kommentierte Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm heraus, die ebenso wie die erwähnte Sagenausgabe ein unverzichtbares Grundlagenwerk der Grimm-Forschung darstellt;
- Uther hatte und hat aber nicht nur die Grimmschen Märchen und Sagen im Blick, sondern er erstellte auch kritisch revidierte moderne Ausgaben, z.B. für die Märchensammlungen von Ludwig Bechstein (1997) und die berühmten Kunstmärchen von Wilhelm Hauff (1999), ferner schließlich verschiedene Bände zu regionalen Märchen- und Sagentraditionen.
Dabei nutzt Uther systematisch auch die modernen elektronischen Medien und hat seit 2003 auf bisher 4 CD-ROMs der „Digitalen Bibliothek" fast 40.000 Einzeltexte aus der deutschen und europäischen Erzähltradition zusammengestellt sowie auf Knopfdruck abrufbar und auch als Volltext recherchierbar gemacht:
- 2003 die „Deutschen Märchen und Sagen" mit mehr als 24.000 Texten aus der Zeit zwischen 1780 und 1920;
- 2004 die „Europäischen Märchen und Sagen" mit mehr als 7.000 Texten aus vielen wichtigen Kultur- und Sprachregionen Europas;
- 2005 unter dem Titel „Merkwürdige Literatur" 30 seltene Quellenwerke der Kompilations- und Kuriositätenliteratur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts;
- 2006 schließlich noch die „Märchen der Welt" mit etwa 7.000 digitalen Texten.
Er hat damit fast das gesamte Universum der europäischen Märchen- und Sagentradition abgeschritten und für uns anschaulich zusammengestellt und problemlos verfügbar gemacht.
Einer Arbeit hat Uther ein besonders hohes Maß an Kraft gewidmet, der „Enzyklopädie des Märchens", des größten und bedeutendsten Werkes zur internationalen Erzählforschung schlechthin, dessen erster Band 1977 erschien und dessen dreizehnter Band – u.a. mit dem Buchstaben „U" wie „Uther" – gerade fertig geworden ist. Hans-Jörg Uther wurde von Kurt Ranke schon früh in das Vorbereitungsteam zur Begründung dieses von seiner Anlage und Arbeitsorganisation her durchaus dem „Deutschen Wörterbuch" der Brüder Grimm vergleichbaren akademischen Unternehmens berufen, und er begleitet dieses weltweit einzigartige Vorhaben bis heute als verantwortlicher Redakteur:
- unzählige Artikel hat er angeregt und editorisch betreut;
- dabei einen umfangreichen Briefwechsel mit vielen Beiträgern unterhalten und so ein großes internationales Netzwerk der Erzählforschung aufgebaut;
- annähernd 130 Artikel hat er – immer auf der Grundlage umfassender Quellenkritik und stets eigener Forschungen – selbst verfaßt, etwa zu einzelnen Erzählstoffen wie z.B. „Jorinde und Joringel", „Die Jungfrau im Turm (Rapunzel)", „Der Rattenfänger von Hameln" oder „Die Sterntaler", zur Visualisierung von Volkserzählungen mit dem umfangreichen Beitrag „Illustration" oder zu wichtigen einzelnen Erzählmotiven und herausragenden Autoren und Kompilatoren volkstümlicher Erzählstoffe.
Hans-Jörg Uther hat sich jedoch nicht nur auf die Erforschung mündlich und schriftlich tradierter volkstümlicher Erzählungen konzentriert, sondern stets auch ihre Wechselwirkung mit und ihre Rezeption in anderen Medien kritisch in den Blick genommen. Vor allem der Übertragung der im eindimensionalen Kontinuum erzählten Märchen und Sagen in das mehrdimensional ablaufende Bild hat er zahlreiche Aufsätze und andere Arbeiten gewidmet und damit einen Beitrag zur populären wie künstlerischen Wirkungsgeschichte dieser Erzählstoffe bis in die Gegenwart geliefert. In den Märchen sind für Uther spezifische „Bilder von Weltentwürfen" vorhanden, ebenso bestimmte durch die Gesellschaft aufgestellte „Werte und Normen", – und das vor allem bedingt wohl auch die heute anhaltende Konjunktur und weltweite Verbreitung dieser populären Erzählstoffe.
Hans-Jörg Uther verdanken wir zuletzt eine große theoretische Leistung. In seinen vielfältigen Arbeiten hat er sich immer wieder mit Fragen der grundlegenden Typen und Motive der von ihm untersuchten Erzählstoffe auseinandergesetzt. Seine vielen Arbeiten zu diesem wichtigen Themenkomplex sind 2004 schließlich in die von ihm betreute und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Fortschreibung des großen Motivindexes der Märchen, den „Types of International Folktales", eingemündet, – eine ursprünglich von dem Finnen Antti Aarne für die internationale Erzählforschung seit 1910 entwickelte und von dem Amerikaner Stith Thompson 1927 bzw. 1961 ergänzte und weitergeführte Klassifikation von Erzählmotiven und Erzählgruppen. Uther und seine Mitarbeiter in Göttingen haben nicht nur sämtliche verfügbaren Typenindices der Welt neu ausgewertet und fortgeschrieben und in kompakter Weise textlich neu gefaßt, sondern sie haben auch zahlreiche neue Erzähltypen definiert und dem Werk insgesamt eine neue sehr übersichtliche Struktur verliehen. Das Ergebnis wurde in drei Bänden mit fast 1.500 Seiten in der finnischen Schriftenreihe der „Folklore Fellows Communications" veröffentlicht und war schon kurze Zeit nach Erscheinen vollständig vergriffen. Mit diesem Werk, das inzwischen als ATU (d.i. Aarne/Thompson/Uther) zitiert wird, hat sich Uther international ein bleibendes Denkmal gesetzt.
Zum Schluß möchte ich wieder zu den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm zurückkehren, die dem heute verliehenen Preis den Namen gegeben haben. Hier gilt es, unter den letzten Arbeiten des Preisträgers sein großes „Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen" zu erwähnen, das 2008 erschienen ist und den neuesten Forschungsstand bzgl. dieses neben der Luther-Bibel wichtigsten Buches der deutschen Kulturgeschichte beinhaltet. Die „Kinder- und Hausmärchen" haben übrigens auf Antrag der Kasseler Brüder Grimm-Gesellschaft im Jahre 2005 als „Weltdokumentenerbe" (Memory of the World) Aufnahme in das internationale Welterberegister der Unesco gefunden. Hans-Jörg Uther behandelt in seinem Handbuch neben den zweihundert Märchentexten und zehn Kinderlegenden der Grimmschen Ausgabe letzter Hand von 1857 auch alle weiteren im Verlaufe der Druckgeschichte zwischen 1812 und 1857 ausgeschiedenen oder umgearbeiteten Stücke. Er zeichnet für jedes einzelne Märchen die teils komplexe mündliche und schriftliche Überlieferungsgeschichte nach und erklärt gleichzeitig die Bedeutung und thematische Vernetzung des jeweiligen Erzählstoffes innerhalb der Sammlung und darüber hinaus. Jahrzehntelang verbreitete Auffassungen über eine eher zufällige Anlage der Sammlung werden kritisch hinterfragt und Irrtümer in bezug auf die Mündlichkeit bzw. die vermeintlich unverfälschte Darbietung der „Poesie des Volkes" aufgedeckt.
Auch dieses große Werk von Hans-Jörg Uther ist in der Tradition und Nachfolge der Kasseler Märchensammler und Sprachforscher von seinem stets „scharf blickenden Auge" durchwaltet. Ich möchte daher mit einem Zitat Wilhelm Grimms aus dessen Abhandlung zur Geschichte der Märchen im dritten Band der „Kinder- und Hausmärchen" schließen:
„Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinauf reichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mythische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteines, die auf dem von Gras und Blumen überwachsenen Boden zerstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden Auge entdeckt werden."
Hans-Jörg Uther hat mit seinem „schärfer blickenden Auge" viele dieser Edelsteine der volkstümlichen Erzähltradition wiederaufgefunden, neu erschlossen und in einen historischen Kontext gestellt. Dafür gebührt ihm großer Dank und daher verdient er für seine Leistungen auf den Gebieten der Literarischen Volkskunde und der Internationalen Erzählforschung den diesjährigen Brüder Grimm-Preis der Philipps-Universität Marburg.
Herzlichen Glückwunsch!
Dr. Bernhard Lauer
Leiter des Brüder Grimm-Museums Kassel und Geschäftsführer der Brüder Grimm-Gesellschaft e.V.
Lit.: Rolf Dieter Brednich: Der Erzählforscher Hans-Jörg Uther. In: Erzählkultur. Beiträge zur kulturwissenschaflichen Erzählforschung. Hans-Jörg Uther zum 65. Geburtstag. Berlin u. New York: Walter de Gruyter, 2009, S. 501-511; Jurjen van de Kooi: [Stichwort] Uther. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 13. Berlin u. New York: Walter de Gruyter, 2009-2010, Sp. 1292-1295.