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28.07.2011 um 15:00

150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen

Vor einhundertundfünfzig Jahren, am 24. Januar 1861, wurde in Tokio ein Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischem dem Königreich Preußen und dem Kaiserreich Japan abgeschlossen. Dies war gleichzeitig der Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen dem zehn Jahre später gegründeten Deutschen Reich und dem zuvor für mehr als 250 Jahre tief verschlossenen Land der aufgehenden Sonne. Davon haben in der Folge nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen beider Länder profitiert, sondern auch die Literatur, die Kunst und die Musik. Auch für die Rezeption der Brüder Grimm und ihrer Märchen in Japan und für die Aufnahme der japanischen Erzähltraditionen hatte dies unmittelbare Bedeutung.

Märchen Japanisch 2Am 24. Januar 2011 wurde im Tokioter National Art Center in einem feierlichen Akt vor 200 geladenen Gästen beider Länder diesem Jubiläum gedacht. Die Brüder Grimm-Gesellschaft konnte im Rahmen dieser von der Deutschen Botschaft organisierten Veranstaltung mit ausgewählten Dokumenten die Wechselwirkung der deutschen und japanischen Märchentradition präsentieren. Ihr Geschäftsführer Dr. Bernhard Lauer durfte herausragende historische Dokumente Seiner Kaiserlichen Hoheit, Kronprinz Naruhito von Japan, persönlich vorstellen und ihm zugleich verschiedene märchenhafte Geschenke aus Kassel überreichen.

Dabei konnte insbesondere darauf hingewiesen werden, daß schon vor der Öffnung Japans im Jahre 1867 durch Kaiser Meij auch die Brüder Grimm in Kassel und später in Berlin auch Interesswe für das Land der aufgehenden Sonne hegten. Wilhelm Grimm schrieb 1856 im Nachwort zu den „Kinder- und Hausmärchen“: "Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinauf reichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mythische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteines, die auf dem von Gras und Blumen überwachsenen Boden zerstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden Auge entdeckt werden". Diese kleinen poetischen Edelsteine der Märchen, in unermüdlicher Arbeit von Jacob und Wilhelm Grimm aus zahlreichen mündlichen und schriftlichen Quellen zusammengetragen, haben schon im 19. Jahrhundert auch eine Brücke zwischen Deutschland und Japan gebildet.

Den Brüdern Grimm waren im 19. Jahrhundert freilich nur wenige Nachrichten aus dem damals noch verschlossenen Japan zugänglich. Dennoch finden sich in ihrer Märchensammlung vereinzelte Hinweise auch auf die japanische Erzähltradition. Und auch die wichtigen Reiseberichte der russischen Kapitäne Petr Rikord und Vasilij Golovin über Japan haben die Brüder Grimm gekannt. Wilhelm Grimm hat 1817 auf dieser Grundlage sogar kurze Artikel über Japan publiziert.

Nach dem Abschluß des ersten deutsch-japanischen Freundschaftsvertages (24.1.1861) kam es im Sommer 1862 zu einer persönlichen Begegnung zwischen Jacob Grimm und den Vertretern der japanischen Handelsdelegation, die im Vorfeld der Meiji-Reformen verschiedene europäische Hauptstädte, darunter auch Berlin besuchte. Die Gespräche in der Grimmschen Wohnung in der Berliner Link-Straße, nicht weit vom heutigen Sony-Center am Potsdamer Platz, wurden der Tradition gemäß auf Holländisch geführt. Und Jacob Grimm freute sich über ein exotisch duftendes Lackkästchen und zwei photographische Bildnisse seiner japanischen Gäste, wie er und die Kinder seiner Bruders Wilhelm (der drei Jahre zuvor verstorben war) stolz nach Kassel an den „Malerbruder“ Ludwig Emil Grimm berichteten.

Märchen Japanisch 3In der Meiji-Zeit (1867 öffnete sich Japan mit der reformatorischen Regierung des Kaiser Meiji wieder für die Außenwelt) sind dann die Werke der Brüder Grimm in vielfacher Weise rezipiert und ihre Märchen sogar in die offiziellen Programme der japanischen Schulen aufgenommen worden. Die höchst seltene erste japanische Übersetzung des Grimmschen Märchens "Der Wolf und die sieben jungen Geislein" aus dem Jahre 1887 und andere Dokumente des Wirkens der Brüder Grimm wurden dem Kronprinzen präsentiert.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wandte man sich in Japan verstärkt auch der eigenen volkstümlichen Erzähltradition zu, und der Verleger Takejiro Hasegawa brachte für das ausländische Publikum eine ganze Serie auf feinem seidenartigem Papier (jap.: "Chirimembon") mit den bekanntesten japanischen Märchen wie z.B. "Momotaro" oder "Hanasaki Jiji" in verschiedenen europäischen Sprachen heraus; dazu wurden in Tokio u.a. zwei herausragende Beispiele der japanischen Buchkunst gezeigt.

Wenig später ging der als "japanischer Grimm" bezeichnete Forscher Sasaki Kizen daran, die japanischen Märchentraditionen systematisch zusammenzutragen und zu dokumentieren. Seine berühmte Ausgabe von 1931 rundete die kleine Ausstellung ab.

Mit der Präsentation der Brüder Grimm-Gesellschaft wurde so ein schöner Bogen zwischen Deutschland und Japan, eine märchenhafte Brücke zwischen Kassel und Tokio gespannt, die nicht nur von Seiner Kaiserlichen Hoheit, Kronprinz Naruhito, aufmerksam betrachtet wurde.

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