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11.08.2011 um 20:47

Wiedereröffnung des Brüder Grimm-Museums

Das Brüder Grimm-Museum hat seine Ausstellungen am 22. Januar 2012 - aus Anlaß des zweihundertsten Jubiläums der "Kinder- und Hausmärchen" - im sanierten Palais Bellevue wiedereröffnet.

Auf einer auf zehn Räume erweiterten Fläche wird die neu gestaltete Dauerausstellung zu Leben, Werk und Wirkung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zu sehen sein; dabei wird auch dem Schaffen ihres jüngeren "Malerbruders" Ludwig Emil Grimm breiterer Raum eingeräumt werden. Zahlreiche bisher unbekannte und in den letzten Jahren neu erworbene Exponate werden erstmals in der Ausstellung präsentiert. In einer speziellen Vitrine werden auch die Handexemplare der Grimmschen Märchen (Unesco-Welterbe) wieder im Palais Bellevue zu sehen sein.

Gleichzeitig wird das Brüder Grimm-Museum von Januar bis Mai 2012 eine Sonderschau zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der "Kinder- und Hausmärchen" präsentieren sowie in turnusgemäß wechselnden kleinen Kabinett-Ausstellungen Einzelfragen des Wirkens der Kasseler Märchensammler und Sprachforscher in den Blick nehmen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr

Eintrittspreise: 3,00 Euro für Erwachsene (in Gruppen ab zehn Personen 2,00 Euro pro Person); 1,50 Euro für Personen mit Ermäßigungsberechtigung

Eintritt für Kinder- und Jugendliche bis 18 Jahre frei


Brüder Grimm-Museum Kassel · Brüder Grimm-Gesellschaft e.V. · www.grimms.de

Sonderausstellungen 2012

Die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm gehören zu den bekanntesten Büchern der Weltliteratur und werden bis heute überall gelesen, bearbeitet, illustriert und medial verbreitet. Übersetzungen lassen sich in mehr als 170 Sprachen der Welt nachweisen, die weltweite Gesamtauflage dürfte die Milliardengrenze inzwischen weit überschritten haben. Auf Antrag der Brüder Grimm-Gesellschaft wurden die Kasseler Handexemplare der Grimmschen Märchen 2005 in das Welterbe der Unesco eingetragen. Im Jahr 2012 jährt sich das Erscheinen der „Kinder- und Hausmärchen“ (zuerst: Berlin 1812) zum zweihundertsten Mal.

Aus diesem Grunde ist die Brüder Grimm-Gesellschaft in Kassel mit der Vorbereitung zahlreicher Projekte befaßt, die nicht nur das Leben und Wirken der Brüder Grimm im hessischen und deutschen Kontext im Mittelpunkt stellen, sondern auch die europäischen Wirklinien von Jacob und Wilhelm Grimm sowie ihres „Malerbruders“ Ludwig Emil Grimm aufzeigen wollen, – haben doch die Brüder Grimm aus gesamten europäischen Kulturgeschichte für ihre bahnbrechenden Forschungen das Material geschöpft und stets auf die produktiven Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen europäischen Traditionen hingewiesen.

Die Brüder Grimm-Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren ein großes Netzwerk aufgebaut, in das sowohl Wissenschaftler, Pädagogen, Medienvertreter und auch interessierte Laien einbezogen worden sind. Durch Ausstellungen, Vorträge und andere Veranstaltungen konnten die Kasseler Märchensammler und Sprachforscher mit ihrem geistigen Erbe dabei immer wieder als herausragende Vertreter der positiven Linien der hessischen und deutschen Kulturgeschichte präsentiert werden.

Folgende Ausstellungen sind bereits realisiert bzw. in Vorbereitung begriffen:

I. Als das Wünschen noch geholfen hat · Zweihundert Jahre „Kinder- und Hausmärchen“ · Eine Ausstellung der Brüder Grimm-Gesellschaft im Brüder Grimm-Museum Kassel (Jahresausstellung I · 22.1. bis 6.5.2012)

Diese Ausstellung wird im Erdgeschoß des historischen Palais Bellevue in sechs Räumen präsentiert. In ihrem ersten Teil behandelt sie das Problem von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Märchentradition und spannt dabei den Bogen von der Antike bis zu den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm am Beginn des 19. Jahrhunderts. Gezeigt werden Handschriften, Erstausgaben und graphische Blätter vom 16. bis 19. Jahrhundert, wobei insbesondere der Märchenüberlieferung in der klassischen Literatur (z.B. Amor und Psyche), in Indien, Persien und Arabien (z.B. Pantscha-Tantra und 1001 Nacht) sowie in Italien, Frankreich und Deutschland (z.B. Straparola, Basile, Musäus, Tieck u.a.) vor den Brüdern Grimm besondere Aufmerksamkeit zukommt. In einer großen Wandinstallation werden darauf die „Kinder- und Hausmärchen“ und die Arbeit der Brüder Grimm daran von den ersten Märchenniederschriften und der sog. „Ölenberger Märchenhandschrift“ (1808, 1810) über die seit 2005 als „Weltdokumentenerbe“ der Unesco anerkannten Handexemplare (1812-15) bis zur Ausgabe letzter Hand (1857) vorgestellt.

Im zweiten Teil dieser Ausstellung wird – für Kinder- und Jugendliche in einem speziellen Raum anschaulich inszeniert – exemplarisch die Überlieferungsgeschichte der Märchen „Dornröschen“ und „Sneewittchen“ in Texten und zahlreichen Bildern behandelt. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Thron, von dem museumsdidaktische Aktivitäten entwickelt und Märchen erzählt werden können.

Im dritten Teil der Ausstellung werden schließlich zehn ausgewählte Märchen (u.a. „Der Froschkönig“, „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“, „Aschenputtel“, „Der Mond“, „Rotkäppchen“, „Das tapfere Schneiderlein“, „Rapunzel“, „Rumpelstilzchen“ u.a.) in ihren verschiedenen Quellen und in ausgewählten Illustrationen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert gewürdigt.

II. Die „Kinder- und Hausmärchen“ in ihrer weltweiten Rezeption · Nach zweihundert Jahren · Eine Ausstellung der Brüder Grimm-Gesellschaft im Brüder Grimm-Museum Kassel (Jahresausstellung II · Herbst 2012)

Der erste Band der ersten Auflage der Grimmschen Märchensammlung kam ohne jede bildliche Beigabe im Dezember 1812, der zweite Band Ende 1814 heraus. Für die zweite Auflage, die in drei Bänden mit einem separaten Kommentarband von 1819 bis 1822 erschien, schuf der jüngere Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm, der Maler und Zeichner Ludwig Emil Grimm, zwei Bilder, und zwar eine Illustration zu dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ und das Porträt der Zwehrener „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann. Diese sog. „Große Ausgabe“ kam zu Lebzeiten der Brüder Grimm bis 1857 in sieben Auflagen heraus.

Erfolgreicher war die sog. „Kleine Ausgabe“, für die Wilhelm Grimm – nach dem Vorbild der von George Cruikshank gestalteten ersten englischen Teilausgabe (London 1823) – 1825 fünfzig besonders für Kinder geeignete Märchen auswählte und die, mit sieben Illustrationen (Radierungen) ausgestattet, in einem Band zu Lebzeiten der Brüder Grimm bis 1858 in zehn Auflagen herauskommen konnte. Sie begründete letztendlich den Erfolg der Grimmschen Sammlung, und allein bis zum Ersten Weltkrieg kamen mehr als 40 weitere Auflagen der „Kleinen Ausgabe“ der „Kinder- und Hausmärchen“ heraus.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandten sich vermehrt verschiedene Künstler der Gestaltung von Märchenstoffen zu, und neben großformatigen Bilderbögen kamen speziell für die Schule adaptierte kleine Einzelausgaben der Grimmschen Märchen sowie auch farbig gedruckte große und teure Prachtausgaben heraus. Vor allem die von Philipp Grot Johann und Robert Leinweber gestaltete Gesamtausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“, die 1893 erstmals erschien und bis zum Ersten Weltkrieg in Deutschland, aber auch z.B. in Dänemark oder Rußland wiederholt aufgelegt wurde ist, mit ihren mehr als 300 Märchenbildern bis heute eine oft genutzte Quelle.

Unter dem Einfluß der englischen Buchillustration – vor allem Walter Crane ist hier zu nennen – und des in Europa sich seit den 1870er Jahren ausbreitenden Japonismus wandte sich bald auch der europäische Jugendstil dem Märchen zu, und bis zum Ersten Weltkrieg entstanden in Deutschland und Österreich, Frankreich, England und Rußland herausragende Gestaltungen. Wichtige Illustratoren waren zum Beispiel Hermann Vogel, Karl Fahringer, Otto Ubbelohde, Dora Polster, Arthur Rackham, Edmund Dulac und viele andere. Ihre wunderbaren neoromantischen Märchenbilder sind bis heute erfolgreich und werden in immer neuen Ausgaben weiter herausgegeben und nachgedruckt.

Nach dem Ersten Weltkrieg nahmen weitere Strömungen der Bildenden Kunst auch das Märchen in den Blick, und Künstler wie beispielsweise Rie Cramer oder Franz Stassen schufen moderne neue Gestaltungen. In den 1930 Jahren waren Künstler wie Ruth Koser-Michaels mit ihren kulissenartigen Märchenfiguren oder Paul Hey besonders erfolgreich, dessen in das Hamburger Zigarettensammelalbum (1939 erschienen) ein geklebte Bilder rasch eine Millionenauflage erreichten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lassen sich die vielfältigen illustrierten Einzel-, Teil- und Gesamtausgaben der Grimmschen Märchen kaum mehr vollständig erfassen und in ihren verschiedenen Stilen konkreter beschreiben. Unter dem Einfluß der Zeichentrickfilmkunst brachte etwa der norddeutsche Künstler Nils Graf Stenbock im Westen seine Märchenbilder heraus. Ein viel gefragter Illustrator war auch der süddeutsche Künstler Gerhard Oberländer, dessen modern verdichtete Kompositionen im In- und Ausland vielfach verlegt wurden. Im Osten waren Illustratoren wie Lea Grundig und Werner Klemke gleich ihren westlichen Kollegen höchst erfolgreich und erreichten hohe Auflagen.

In den Sammlungen des Brüder Grimm-Museums wurden bis heute viele Hundert Illustratoren verzeichnet, und die weltweiten Ausgaben der „Kinder- und Hausmärchen“ können hier inzwischen in mehr als 170 Sprachen der Welt dokumentiert werden.

Die Ausstellung beleuchtet exemplarisch Probleme der Übersetzungs-, Adaptions- und Mediengeschichte vor dem Hintergrund kultureller Differenzen aller Erdteile.

III. „Im Anfang war das Wort“ · Zur Begründung der modernen Germanischen Philologie durch die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm 1812 · 2012 (Kabinett-Ausstellung im Brüder Grimm-Museum Kassel (Frühjahr/Sommer 2012))

Im Jahr 2012 wird nicht nur das zweihundertjährige Jubiläum der „Kinder- und Hausmärchen“ gefeiert, auch die moderne Wissenschaft von der deutschen Sprache und deutschen Literatur wird in diesem Jahr zweihundert Jahre alt. Als den Beginn der Germanistik sieht man vor allem die kritisch kommentierte Ausgabe des althochdeutschen Hildebrandliedes an, die Jacob und Wilhelm Grimm im Sommer 1812 auf der Grundlage der in Kasseler Landesbibliothek lagernden fuldischen Handschrift bewerkstelligten. Dazu wird im Brüder Grimm-Museum eine Kabinett-Ausstellung organisieren, die den Bogen über die sprach- und literarischen Hauptwerke der Grimms – u.a. Jacob Grimms 1819 erstmals erschienene „Deutsche Grammatik“ und Wilhelm Grimms 1829 erstmals erschienene „Deutsche Heldensage“ – bis hin zu ihrem großen „Deutschen Wörterbuch“ spannen wird.

IV. „Es war einmal …“ · Die Brüder Grimm und die Romantik · (Kabinett-Ausstellungim Brüder Grimm-Museum Kassel (Sommer 2012))

Ein wichtiges und weit nicht ausdiskutiertes Thema der Grimmforschung ist das Verhältnis beider Brüder zu den verschiedenen Strömungen der deutschen Romantik, wurden Jacob und Wilhelm Grimm zu ihren Märchen- und Sagensammlungen und zur Beschäftigung mit der „altdeutschen“ Sprach- und Literaturgeschichte doch zuerst durch die romantischen Dichter Achim v. Arnim und Clemens Brentano angeregt, die sie vermittelt über ihrer Marburger Lehrer Friedrich Carl v. Savigny schon früh kennengelernt hatten. Dabei spielt insbesondere der von Johann Gottfried Herder begründete Diskurs über „Volks-“ und „Kunstpoesie“ eine zentrale Rolle. In dieser Kabinettausstellung sollen daher verschiedene in den Sammlungen des Brüder Grimm-Museums und der Brüder Gesellschaft schlummernde romantische Schätze sowie weitere Leihgaben ausstellerisch bearbeitet und präsentiert werden.

V. Die hessische "Verheimatung" der "Kinder- und Hausmärchen" · Otto Ubbelohde und seine Märchenbilder (Kabinett-Ausstellung im Brüder Grimm-Museum Kassel (Sommer 2012)

In den Jahren 1907 bis 1909 erschien im Vorfeld des einhundertjährigen Jubiläums der "Kinder- und Hausmärchen" im Leipziger Turm-Verlag eine von dem Marburger Künstler Otto Ubbelohde (1867-1922) vollständig illustrierte Gesamtausgabe , die - bald in den Marburger Elwert-Verlag übernommen - bis heute immer noch aufgelegt wird. Die etwa 450 Federzeichnungen zu allen Märchentexten zeigen ein ausgesprochen hessisches Lokalkolorit, indem sie vor allem Landschaften in der Umgebung des Lahntales sowie hessische Trachten, einzelne Bauwerke und historische Stätten illustrativ zitieren. Dieses Werk hat in der Folge stark zur "Verheimatung" (Bernhard Lauer) der Grimmschen Märchen ins Hessische beigetragen und beeinflußt bis heute ihre touristische Verortung entlang der "Deutschen Märchenstraße". Die Ausstellung bietet einen Querschnitt durch das Märchenwerk Ubbelohdes und würdigt einen der wichtigsten und weltweit bekanntesten deutschen Märchenillustrator.

VI. „Protestation des Gewissens“ · Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm und der Protest der „Göttinger Sieben“ · Zum 175. Jahrestag dieses politischen Ereignisses im deutschen Vormärz 1837 · 2012 (Kabinett-Ausstellung im Brüder Grimm-Museum Kassel (Herbst/Winter 2012)

Schließlich gibt es im Jahr 2012 noch ein weiteres Jubiläum, das ausstellerisch in Kassel gewürdigt werden soll, denn im November jährt sich zum einhundertfünfundsiebzigsten Mal der berühmte Protest der sieben Göttinger Professoren, die sich den rückwärtsgewandten Bestrebungen des Hannoverschen Königs Ernst August mutig entgegenstelllten und im Vormärz einen wichtigen Beitrag zur politischen Entwicklung und zur staatsbürgerlichen Diskussion in Deutschland geleistet haben. Neben Dahlmann und Gervinus kommt hierbei vor allem den Brüdern Grimm eine herausragende Rolle zu, deren 1838 erschienene Rechtfertigungsschrift zu den Vorgängen des Herbtes 1837 bis heute nachwirkt. Diese Kabinettausstellung will anhand zahlreicher bisher wenig beachteter Dokumente im Brüder Grimm-Museum das Wirken aller „Göttinger Sieben“ und ihrer jeweiligen staatspolitisch relevanten Diskurse würdigen.

Zu allen Kabinettausstellungen sollen besondere museumspädagogische Angebote erarbeitet werden, in die auch die nordhessischen Schulen sowie andere Bildungseinrichtungen besonders einbezogen werden sollen.

Kassel, am 22.1.2012

Dr. Bernhard Lauer

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