
NEUERSCHEINUNG
Protestation des Gewissens
Die Rechtfertigungsschriften der Göttinger Sieben
Hrgs. von Wilhelm Bleek und Bernhard Lauer
Kassel: BGG, 2012. 208 Seiten · ISBN 978-3-940614-29-2
(= Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft, 36) · 34,00 €
Die Protestation von sieben Professoren der Universität Göttingen gegen die einseitige Aufhebung des Staatsgesetzes des Königreiches Hannover durch König Ernst August im Jahre 1837 stellt ein herausragendes politisches Ereignis im deutschen Vormärz dar.
Wegen ihres als "Protestation des Gewissens" verstandenen Einspruchs gegen das Vorgehen des hannoverschen Königs wurden Friedrich Christoph Dahlmann, Eduard Albrecht, Jacob und Wilhelm Grimm, Heinrich Ewald, Georg Gottfried Gervinus und Wilhelm Weber am 14. Dezember 1837 ihrer Ämter enthoben; drei von ihnen - Dahlmann, Jacob Grimm und Gervinus mussten binnen drei Tagen das Land verlassen. In der Folge stiegen die "Göttinger Sieben" quasi zu nationalen Helden eines gesinnungsfesten Widerstandsmuts auf.
Dazu trugen auch ihre Rechtfertigungsschriften bei, die in diesem Buch erstmals zusammenhängend herausgegeben werden.
Aus dem Vorwort:
Nach der dramatischen Entlassung von sieben Göttinger Professoren am 14. Dezember 1837 wegen ihres Einspruchs gegen die einseitige Außerkraftsetzung des bestehenden Staatsgrundgesetzes von 1833 durch den neuen König Ernst August v. Hannover und der Landesverweisung von drei von ihnen stiegen die „Göttinger Sieben“ in den Rang von nationalen Helden eines gesinnungsfesten Widerstandsmutes auf. Dazu trugen nicht nur die publizistischen und finanziellen Solidarisierungsaktionen in ganz Deutschland bei, sondern auch die Schriften, die sechs der sieben Professoren bald darauf zu ihrer Rechtfertigung veröffentlichten. Sie werden in diesem Buch erstmals in ihrer Gesamtheit zusammengestellt.
Den Anfang macht die Schrift des Historikers und Staatswissenschaftlers Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860), der nicht nur die eigentliche Protestation vom 18. November 1837 verfaßt hatte, sondern auch danach der Wortführer der Sieben war. Was Dahlmann Zur Verständigung ausführte, war eine mit Dokumenten angereicherte Darstellung der Ereignisse und Motive, die zur Protestation und nachfolgenden Entlassung der Sieben geführt hatten. Es schließt sich an eine juristische Würdigung durch den Rechtsgelehrten Wilhelm Eduard Albrecht (1800–1876). Jacob Grimm (1785–1863) begründete in dem Bericht Über seine Entlassung die ethische Argumentation; an diesem Text wirkte auch ohne Namensnennung sein Bruder Wilhelm Grimm (1786–1859) mit, der mit seiner Familie noch bis Herbst 1838 in Göttingen blieb. Dieser Text ist ein in seiner Sprachgewalt auch heute noch faszinierendes Zeugnis der beiden Begründer der Germanischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Der Orientalist und Theologe Heinrich Ewald (1803–1875) machte in seiner Schrift Worte für Freunde und Verständige aus der Protestation eine protestantische Glaubenssache, auch in Abgrenzung von dem gleichzeitigen Konflikt zwischen dem katholischen Erzbischof von Köln und den preußischen Behörden um die Mischehenregelung. Ethische und religiöse Äußerungen prägten auch die knappere Stellungnahme des Historikers und Philologen Georg Gottfried Gervinus (1805–1871) in seiner Vorrede zum dritten Band seiner Deutschen Literaturgeschichte. Lediglich einer der Göttinger Sieben, und zwar der Physiker Wilhelm Weber (1804–1891), legte keine öffentliche, aber auch keine briefliche Rechtfertigung seiner Teilnahme an der Protestation vor.
Auf die Einzelheiten, nicht nur der Protestation und Entlassung, sondern insbesondere der Entstehung und Charakterisierung der einzelnen Rechtfertigungsschriften geht die vorangestellte Einleitung ein. Details der Niederschrift und Veröffentlichung der Rechtfertigungsschriften in den ersten vier Monaten des Jahres 1838 kann man dem Briefwechsel zwischen den Göttinger Sieben, insbesondere zwischen Friedrich Christoph Dahlmann, Georg Gottfried Gervinus und den Brüdern Grimm entnehmen.
Der Abdruck der Rechtfertigungsschriften erfolgt nach den historischen Erstdrucken; die historische Orthographie wurde beibehalten. Die zahlreichen amtlichen Dokumente im Zusammenhang mit der Protestation und Entlassung der Göttinger Sieben finden sich in der Schrift von Dahlmann; auf den nochmaligen Abdruck als Beilagen in der Schrift von Wilhelm Eduard Albrecht wird daher verzichtet. Von den Verfassern der Rechtfertigungsschriften angezeigte Errata und offensichtliche Druckfehler werden verbessert. Die originalen Anmerkungen der Verfasser werden unmittelbar im laufenden Text durch ein Sternchen (*) gekennzeichnet und in kleinerer Schriftgröße eingefügt. Auch die originale Paginierung der Erstdrucke wird in kursiven eckigen Klammern im laufenden Text angezeigt. Alle Erläuterungen in den Fußnoten sowie alle kursiven Angaben in den Texten stammen von den Herausgebern.
Bei aller Unterschiedlichkeit in Inhalt und Stil dieser fünf Rechtfertigungsschriften der Göttinger Sieben sind sie ein kollektives Zeugnis des öffentlichen Engagements von Professoren im deutschen Vormärz.
Kassel und Toronto, am 18. November 2012
Wilhelm Bleek und Bernhard Lauer
Inhalt
VORWORT
WILHELM BLEEK: Einleitung
FRIEDRICH CHRISTOPH DAHLMANN: Zur Verständigung
WILHELM EDUARD ALBRECHT: Die Protestation und Entlassung der sieben Göttinger Professoren
JACOB [UND WILHELM] GRIMM: Über seine [ihre] Entlassung
HEINRICH EWALD: Worte für Freunde und Verständige
GEORG GOTTFRIED GERVINUS: Vorrede zur dritten Auflage der Geschichte
der deutschen Nationalliteratur
BIBLIOGRAPHIE
PERSONENREGISTER