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II. Die „Kinder- und Hausmärchen“ in ihrer weltweiten Rezeption · Nach zweihundert Jahren · Eine Ausstellung der Brüder Grimm-Gesellschaft im Brüder Grimm-Museum Kassel (Jahresausstellung II · Herbst/Winter 2012)

Der erste Band der ersten Auflage der Grimmschen Märchensammlung kam ohne jede bildliche Beigabe im Dezember 1812, der zweite Band Ende 1814 heraus. Für die zweite Auflage, die in drei Bänden mit einem separaten Kommentarband von 1819 bis 1822 erschien, schuf der jüngere Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm, der Maler und Zeichner Ludwig Emil Grimm, zwei Bilder, und zwar eine Illustration zu dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ und das Porträt der Zwehrener „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann. Diese sog. „Große Ausgabe“ kam zu Lebzeiten der Brüder Grimm bis 1857 in sieben Auflagen heraus.

Erfolgreicher war die sog. „Kleine Ausgabe“, für die Wilhelm Grimm – nach dem Vorbild der von George Cruikshank gestalteten ersten englischen Teilausgabe (London 1823) – 1825 fünfzig besonders für Kinder geeignete Märchen auswählte und die, mit sieben Illustrationen (Radierungen) ausgestattet, in einem Band zu Lebzeiten der Brüder Grimm bis 1858 in zehn Auflagen herauskommen konnte. Sie begründete letztendlich den Erfolg der Grimmschen Sammlung, und allein bis zum Ersten Weltkrieg kamen mehr als 40 weitere Auflagen der „Kleinen Ausgabe“ der „Kinder- und Hausmärchen“ heraus.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandten sich vermehrt verschiedene Künstler der Gestaltung von Märchenstoffen zu, und neben großformatigen Bilderbögen kamen speziell für die Schule adaptierte kleine Einzelausgaben der Grimmschen Märchen sowie auch farbig gedruckte große und teure Prachtausgaben heraus. Vor allem die von Philipp Grot Johann und Robert Leinweber gestaltete Gesamtausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“, die 1893 erstmals erschien und bis zum Ersten Weltkrieg in Deutschland, aber auch z.B. in Dänemark oder Rußland wiederholt aufgelegt wurde ist, mit ihren mehr als 300 Märchenbildern bis heute eine oft genutzte Quelle.

Unter dem Einfluß der englischen Buchillustration – vor allem Walter Crane ist hier zu nennen – und des in Europa sich seit den 1870er Jahren ausbreitenden Japonismus wandte sich bald auch der europäische Jugendstil dem Märchen zu, und bis zum Ersten Weltkrieg entstanden in Deutschland und Österreich, Frankreich, England und Rußland herausragende Gestaltungen. Wichtige Illustratoren waren zum Beispiel Hermann Vogel, Karl Fahringer, Otto Ubbelohde, Dora Polster, Arthur Rackham, Edmund Dulac und viele andere. Ihre wunderbaren neoromantischen Märchenbilder sind bis heute erfolgreich und werden in immer neuen Ausgaben weiter herausgegeben und nachgedruckt.

Nach dem Ersten Weltkrieg nahmen weitere Strömungen der Bildenden Kunst auch das Märchen in den Blick, und Künstler wie beispielsweise Rie Cramer oder Franz Stassen schufen moderne neue Gestaltungen. In den 1930 Jahren waren Künstler wie Ruth Koser-Michaels mit ihren kulissenartigen Märchenfiguren oder Paul Hey besonders erfolgreich, dessen in das Hamburger Zigarettensammelalbum (1939 erschienen) ein geklebte Bilder rasch eine Millionenauflage erreichten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lassen sich die vielfältigen illustrierten Einzel-, Teil- und Gesamtausgaben der Grimmschen Märchen kaum mehr vollständig erfassen und in ihren verschiedenen Stilen konkreter beschreiben. Unter dem Einfluß der Zeichentrickfilmkunst brachte etwa der norddeutsche Künstler Nils Graf Stenbock im Westen seine Märchenbilder heraus. Ein viel gefragter Illustrator war auch der süddeutsche Künstler Gerhard Oberländer, dessen modern verdichtete Kompositionen im In- und Ausland vielfach verlegt wurden. Im Osten waren Illustratoren wie Lea Grundig und Werner Klemke gleich ihren westlichen Kollegen höchst erfolgreich und erreichten hohe Auflagen.

In den Sammlungen des Brüder Grimm-Museums wurden bis heute viele Hundert Illustratoren verzeichnet, und die weltweiten Ausgaben der „Kinder- und Hausmärchen“ können hier inzwischen in mehr als 170 Sprachen der Welt dokumentiert werden.

Die Ausstellung beleuchtet exemplarisch Probleme der Übersetzungs-, Adaptions- und Mediengeschichte vor dem Hintergrund kultureller Differenzen aller Erdteile.