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Das Palais Bellevue - Sitz des Brüder-Grimm Museums

 

Bellevuefruehling

Das 1714 von dem Franzosen Paul du Ry zunächst als Sternwarte für den hessischen Landgrafen Karl erbaute barocke, später (um 1790) für Wilhelm IX. von Simon Louis du Ry umgebaute Palais Bellevue an der Schönen Aussicht (Nr. 2) ist das einzige Kasseler Stadtpalais aus dem frühen 18. Jahrhundert, das den letzten Krieg und die „antifeudale“ Abbruchwelle der frühen 50er Jahre relativ unbeschadet überstanden hat.Schon für die Geschichte der Architektur in Kassel kommt dem Palais Bellevue daher eine sehr exemplarische Bedeutung zu.Das Gebäude ist ein schlicht-strenger dreigeschossiger, fast quadratischer Bau mit zwei risalitartigen Seitenflügeln an der rückwärtigen Gartenfront zur Frankfurter Straße und einem Portal mit Balkon und klassizistische m Gitter an der Straßenfront zur Schönen Aussicht. Der ursprünglich kreuzförmige Dachaufbau mit oktogoner Kuppel für die Sternwarte wurde später durch ein hohes Mansarddach mit Giebelausbauten ersetzt.

Die Fassaden sind auffallend schlicht, nur das Erdgeschoß ist durch ein leichtes Gesims abgeteilt. Das Innere ist gekennzeichnet von einer schlichten Raumdekoration im Stil des Rokoko und Klassizismus; bemerkenswert ist insbesondere das original erhaltene klassizistische Treppenhaus, der große Mittelraum im Erdgeschoß mit schöner Pilastergliederung sowie die Rokoko-Stuckdecke im ersten Obergeschoß. An der Nordseite erstreckt sich ein einfacher zweigeschossiger Langnebenbau. Dem Bellevueschlößchen kommt eine herausragende kulturgeschichtliche Bedeutung für Kassel und Hessen zu. Fast 250 Jahre war das Gebäude - mit einigen Unterbrechungen - im Besitz des hessischen Fürstenhauses. Zuerst mehr für astronomische Zwecke benutzt, diente es seit etwa 1725 als Wohnung für Mitglieder des Hofes, dann für die landgräfliche, später kurfürstliche Familie.

Christine Bernhold, die Reisehofmeisterin des Landgrafen Karl, wohnte hier ebenso wie der Geheime Rat und Regierungspräsident Johann Friedrich von Stain. Bewohnt wurde das Palais Bellevue auch vom Prinzen (seit 1760 Landgrafen) Friedrich II. sowie nach 1813 von Wilhelm IX. (als Kurfürst I.) sowie Wilhelm II. In der Zeit des Westphalischen Königreichs lebte zunächst der mit auswärtigen Angelegenheiten betraute Pierre Alexandre Le Camus Graf von Fürstenstein hier; nach dem Brand des Kasseler Stadtschlosses 1811 zog König Jerôme von Westphalen, der Bruder Napoleons, bis zu seiner Vertreibung 1813 in das Bellevue ein. In den 20er und 30er Jahren nutzte die hessische Kurfürstin Auguste das Bellevue als Stadtschloß.

In seiner Funktion als Privatbibliothekar von König Jerôme und als Mitglied der Regierung des Westphälischen Königreiches (er war „Staatsratsauditor“) war auch Jacob Grimm in den Jahren 1807 bis 1813 häufiger im Palais Bellevue. Seit 1822 diente das Palais der von ihrem Mann, Kurfürst Wilhelm II.‚ getrennt lebenden hessischen Kurfürstin Auguste als Sommersitz. Wilhelm Grimm war als Lehrer des Kurprinzen Friedrich Wilhelm l. bestellt und hat diesem sicherlich auch im Palais Bellevue die eine oder andere Lektion zu Geschichte, Literatur und Sprache erteilt. In den 20er Jahren nahmen die Brüder Grimm eine neue Wohnung unweit des Palais Bellevue, und nach seiner Heirat 1834 wohnte Ludwig Emil Grimm im Böttnerschen Hause an der Bellevue.

Wie zahlreiche Zeichnungen des Malerbruders zeigen, bestand ein sehr herzliches Verhältnis zur hessischen Kurfürstin und ihren Kindern. 1866 fiel das Gebäude an den preußischen Staat, wurde jedoch um 1880 aufgrund eines zwischen Preußen und dem hessischen Fürstenhaus abgeschlossenen Vergleichs an die Landgrafen von Hessen-Philippsthal-Barschfeld abgetreten. Von 1933 an bis in den Zweiten Weltkrieg hinein war es Wohnsitz des aus dieser bereits 1685 abgespaltenen jüngeren Linie des Hauses Hessen-Kassel stammenden Prinzen (heute Landgrafen) Philipp von Hessen während dessen Amtszeit als Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau. 1956 wurde das Palais Bellevue von der Stadt Kassel erworben, die hier bis 1970 die Städtischen Kunstsammlungen unterbrachte. Nach Übergabe der Städtischen Kunstsammlungen in die Verwaltung der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel (Neue Galerie) - in Form eines vertraglichen Leihverhältnisses auf unbestimmte Zeit - ergab sich für das Palais Bellevue eine neue Nutzungskonzeption. Die bisher in Räumen der Murhardschen Bibliothek untergebrachte Brüder Grimm-Ausstellung konnte am 21.10.1972 im Erdgeschoß des Palais Bellevue in neu konzipierter Form eröffnet werden, während Teile des ersten Obergeschoßes für das Louis Spohr-Museum sowie als Empfangsräume des Magistrats der Stadt Kassel hergerichtet wurden. Das zweite Obergeschoß wurde dem Deutschen Musikgeschichtlichen Archiv und der Zentralredaktion des "Internationalen Quellenlexikons der Musik" zur Verfügung gestellt, während im Nebengebäude Dienststellen der Stadtverwaltung (Kulturamt) sowie zwei Archiv-Raume für das Spohrmuseum eingerichtet wurden.

Nach dem Auszug des Deutschen Musikgeschichtlichen Archivs und des Internationalen Quellenlexikons sowie dem Auszug des Hausmeisters wurde die Kulturverwaltung der Stadt Kassel seit 1987 im zweiten und dritten Obergeschoß des Palais Bellevue eingerichtet. Im März 1999 wurde dem Brüder Grimm-Museum das gesamte Haus für Ausstellungszwecke übergeben; am 20.7.1999 wurde das Haus mit der vollständig renovierten Dauerausstellung zu Leben und Werk der Brüder Grimm (Erdgeschoß und erstes Obergeschoß) sowie den Sonderausstellungen „Der Rattenfänger und andere Neuerwerbungen“ und „Barbara Rexmann - Graphiken zu H.C. Andersen“ (zweites und drittes Obergeschoß) eröffnet. Es folgte am 4.9.1999 eine große Ausstellung zur Illustrationsgeschichte der Märchen unter dem Titel „Rotkäppchen und Co. - Märchenbilder aus zwei Jahrhunderten“ u.a.

Seit 1994 erfolgten Sicherungs- und Sanierungsarbeiten insbes. im Bereich des Daches sowie des Untergrundes begonnen, die in den folgenden Jahren sukzessive fortgesetzt wurden. 2010 bis 2011 erfolgte schließlich eine grundlegende Sanierung des Haupthauses mit der historischen Treppe; dabei wurde ein Fahrstuhl eingebaut und das gesamte Haus barrierefrei erschlossen und auch brandschutzrechtlich nach den neuesten Bestimmungen freigegeben.

Seit dem 22. Januar 2012 zeigte das Brüder Grimm-Museum auf drei Etagen in insgesamt 20 Räumen wieder seine Ausstellungen. Bis zum Mai 2012 konnten dabei bereits mehr als 10.000 Besucher gezählt werden.